Anomie und die Macht des Faktischen

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Nach langer Zeit des Nicht-Schreibens habe ich mich entschieden, wieder einen Blog zu starten. Die Gründe dafür sind vielfältig, genau wie auch die Gründe dagegen. Letztlich aber leben wir in bewegten Zeiten und weiter zu Schweigen, das fühlt sich nicht gut an.

Heute ist der 30. August 2020, es ist Spätsommer. Die Corona-Pandemie hat sich seit einem halben Jahr über das Land gelegt, hat den Alltag verändert, Gewohnheiten durcheinandergeworfen und Existenzen vernichtet. Zugleich verschärft der Virus eine Entwicklung, die schon lange zuvor pandemisch um sich gegriffen hat: Die Gesellschaft, in der wir leben, verliert an Zusammenhalt. Eine 35-jährige Frau aus Hamburg-Eppendorf hat nichts mehr gemein mit einem 50-jährigen Mann aus Chemnitz.

Voyeuristische Empathie

Wir leben in sozialen Nischen und bleiben gerne unter uns. Wir arbeiten in Jobs, die unsere Eltern nicht mehr verstehen – wenn wir denn überhaupt Arbeit haben, von der wir leben können. Wir reiben uns auf, um Mieten und Altersvorsorge zu tragen und wissen doch, dass es uns mal schlechter gehen wird, als eigentlich erhofft. Der große Deal, dass sich Anstrengung lohnt, der zählt nicht mehr. Erbe und der Luxus einer „guten“ Erziehung sind die Faktoren, auf die es ankommt.

Wir hinterfragen immer weniger, wir konsumieren immer mehr. Algorithmen wählen die Filme aus, die wir sehen, die Nachrichten, die wir lesen, die Influencer, denen wir folgen. Es ist vielleicht keine Blase, aber doch leben wir unter Glas: In merkwürdiger Stille, mit verengter Perspektive und einer kraftlosen, ja bisweilen geradezu voyeuristischen Empathie.

Auf dem Weg in eine anomische Gesellschaft

Émile Durkheim sprach von Anomie, um Selbstmorde und sozialen Verwerfungen der einsetzenden Industrialisierung zu erklären. Die einst geordnete Welt wurde von den Fließbändern und Schloten der Fabriken durcheinandergeworfen und brachte Leid, Mühsal und Entfremdung über viele Menschen ihrer Zeit. Große Veränderungen und die begrenzte Resilienz der Leute sind schon immer eine explosive Mischung gewesen.

Heute ist die Anomie eine andere – und doch nicht minder schmerzhaft. Die Digitalisierung geht einher mit einem völligen Informationschaos, ein großes Rauschen übertönt den vertrauten Gleichklang der alten, im Sterben liegenden, analogen Welt. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen, um diese Welt zu verstehen. Mehr noch: Wir müssen uns sogar selbst die Leute auswählen, die uns diese Welt erklären dürfen. Welch eine Zumutung!

Corona hat diese Anomie verstärkt, weil es weitere soziale Bindungen durchtrennt hat. Homeoffice, Quarantäne, Maskenpflicht – wir sehen einander nicht mehr. Selbst unsere Kollegen, Freunde und Familien werden zu Personen, die nur noch über digitale Medien zu uns sprechen – und das bisweilen sogar noch als Fortschritt feiern. Physische Nähe selbst gerät in den Verdacht ungesund, gefährlich und ineffizient zu sein. Das, was uns als Menschen auszeichnet, muss plötzlich mit einer Sorgfalt bedacht werden, die uns überfordert.

Die Macht des Faktischen und die Verletzlichkeit der Demokratie

Wohin das führt, haben wir gestern gesehen. Gestern war der 29. August, ebenfalls im Spätsommer – nur das Wetter war schlechter. Es war der Tag, an dem es einer Handvoll Demonstranten fast gelungen wäre, gewaltsam in den Reichstag einzudringen. Sie haben die Polizei einfach übertölpeln können – und damit etwas geschafft, was für unsere Gegenwart geradezu sinnbildlich ist: Sie haben die Kraft des Faktischen gegen die Kakophonie des Digitalen gestellt. Es brauchte kaum mehr als 50 Leute, die brüllend in die gleiche Richtung rennen, um Bilder zu produzieren, die das Land in eine halbe Staatskrise führen. Plötzlich wurde eine Welt mit Taten konfrontiert, die sich doch eigentlich nur noch um Worte und Distanz dreht.

Dabei war diesen 50 Leuten äußerlich wenig gemein. Da waren russische und türkische Flaggen neben Reichskriegsflaggen zu sehen – daneben standen Menschen, die gar nicht zuzuordnen sind. Ein Protestzug der Anomie – radikalisiert durch irgendwelche „Wahrheiten“ im Netz, weichgekocht durch soziale Distanz und Jahre des politischen Krisenmodus, der zu viele Vertrautheiten in Frage stellt. Was sie vereint ist die hilflose Wut auf eine Welt, in der sie sich zurückgelassen und Unverstanden fühlen. Dass sie sich dabei an faschistischen Machtergreifungsfantasien berauschen und sich als Widerstandskämpfer wähnen, ist unerträglich. Es widert mich an.

Man darf das aber nicht unterschätzen – kaum auszumalen was geschehen wäre, wenn diese 50 Leute halbwegs organisiert oder gar bewaffnet gewesen wären. Es ist so einfach. Wir sind verletzlich geworden – verletzlicher, als es Demokratien von Natur aus sind. Das Mindeste, was wir dagegen unternehmen können, ist es, unsere Komfortzone zu verlassen.

Anomie überwinden, Komfortzonen verlassen

Tue ich das, in dem ich einen Blog aufsetze? Sicherlich nicht – und doch verlasse ich damit zumindest meine ganz persönliche Komfortzone. Denn nicht mehr zu Schreiben war in gewisser Weise meine Reaktion auf die Anomie. Ich bin mir sicher: Wenn wir alle wieder mehr miteinander reden und einander zuhören würden, vieles müsste nicht so heiß gegessen werden, wie es gekocht wird. Ich hoffe daher, dass mein Versuch, wieder einen Blog zu betreiben, nur mein hilfloser Ausdruck eines ganz allgemeinen „Gefühls“ in dieser Gesellschaft ist, die Anomie wieder zu überwinden. Eine Art positiver Weltschmerz, eine Art neue Lust an echter, zwischenmenschlicher Empathie. Mehr Gönnen, weniger Neiden.

Denn wenn das nicht gelingt, wenn wir weiterhin vereinzelt unsere Leben leben und uns in unseren geistigen Gefängnissen professionalisieren, dann werden eines Tages vielleicht wirklich 50 Leute ausreichen, um Fakten zu schaffen, gegen die kein Hashtag gewachsen ist.

Über den Autor

Thomas

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