Ein defacto schwedischer Weg

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Wir sind endlich angekommen! Herzlichen Glückwunsch, exponentielles Wachstum – im März haben wir uns ja nur ganz kurz einmal gesehen. Dieses Mal aber, da bin ich sicher, bleibst Du länger. Jetzt schlafwandeln wir Hand in Hand mit Dir in den medizinischen Notstand.

Im März, da waren wir alle ganz aufgeregt. Kontaktbeschränkungen, Lockdown, geschlossene Schulen – ein Land im Ausnahmemodus. Wir wussten nicht, was da auf uns zukommt, also nahmen wir es besonders genau. Die Kurve wurde abgeflacht und wir sind Dich schnell wieder losgeworden, liebes exponentielles Wachstum. Mit deutscher Gründlichkeit, wie mancher mutmaßt, vermutlich aber eher mit viel Dussel, weil wir durch die schrecklichen Bilder aus Italien und Spanien gewarnt waren.

Heute sieht das anders aus. Wir sind zermürbt durch ein halbes Jahr im Krisenmodus. Ein anstrengendes Frühjahr, unter dem viele sehr gelitten haben, gefolgt von einem nahezu pandemiefreien Sommer.

Ich kann nur für mich sprechen, aber: Irgendwann ab Juli war dieses ganze Corona-Thema für mich nur noch abstrakt. Etwas, auf das man natürlich weiterhin Acht geben sollte, das unterm Strich aber doch unwahrscheinlich ist. Eine Naturkatastrophe, die vor allem in den USA und Brasilien wütet. Insgeheim hoffte ich, dass uns die zweite Welle erspart bleibt, ein Impfstoff kommt und alles wieder wie früher wird.

Auch wenn dieses „Früher“… , aber das ist ein anderes Thema.

Die alte, neue Corona-Normalität

Liebes exponentielles Wachstum: Diese Mischung aus Zermürbung und Hoffnung, der Spuk wäre insgeheim schon vorbei, haben ein komisches Gefühl von Normalität bei mir ausgelöst. Einer neuen Normalität, um mal einen abgegriffenen Begriff der politischen Debatte zu bemühen. Kaum aber habe ich mich in dieser neuen Normalität eingerichtet, kommst Du mit aller Wucht zurück. Liebes exponentielles Wachstum, jetzt da sich die Infektionszahlen fast im Wochenrhythmus verdoppeln, steh ich blöde da.

Was fehlt ist ein Signal, ein Ruck, der durch die Gesellschaft geht. Anderseits: Was will man gegen den Herbst und Winter unternehmen? Klar: Die AHA- oder HALAL-Regeln noch ernster nehmen, sich im mobilen Office verkriechen und fleißig die klapprige Corona Warn App nutzen. Aber machen wir uns nichts vor: Solange wir das Land nicht wieder runterfahren, gehen wir defacto jetzt den schwedischen Weg – wir sprechen es nur nicht laut aus.

Liebes exponentielles Wachstum: Dieses Mal fehlt mir die Angst und ich lüge mir eines in die Tasche, in dem ich mich an eine neue Normalität klammere, die ich im letzten halben Jahr erlernt habe. Ich vermute, ich stehe damit nicht allein da und wir zwei werden noch einige Wochen Freude haben. Solange, ja bis es kracht, die Notbremse gezogen wird oder wir uns irgendwie so durchgewurstelt haben.

Auf die neue Vulnerabilität und die gute Tugend der Verdrängung. Darauf ein Gläschen Remdesivir!

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Thomas

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