Corona Reloaded

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Jetzt ist sie also da: Die zweite Welle. Es zeichnete sich ja seit Wochen schon ab. Und wenig spricht dagegen, dass der Spuk so schnell wieder vorbeigeht. Wenn wir Pech haben, wird das bis Frühjahr so weitergehen. Ein Tanz mit Masken, regionalen Lockdowns, Clustern und einem schleichenden, infektiösen Grundrauschen. Und vielen, vielen Debatten.

JEDER STECKT IN SEINEM EIGENEN CORONA-FILM

Da gibt es die Leugner und sogenannten Skeptiker. Wenn man sich anschaut, wie heftig existenziell es da Menschen trifft, gerade Selbstständige – da kann man schon verstehen, warum manche das Problem am liebsten auf eine kräftige Grippe reduzieren möchten. Wäre dem so, könnte das Leben in halbwegs normalen Bahnen weiterlaufen. Ich kann diesen Reflex verstehen, falsch ist er trotzdem.

Dann gibt es da Leute wie mich: Vorsichtig und irgendwie auch verunsichert, aber zumindest aktuell nicht existenziell in Sorge. Angestellt, zeitweise von Kurzarbeit profitiert, keine Risikogruppe, keine Kinder. Eigentlich hat sich mein Leben seit März nicht fundamental verändert, vom mulmigen Gefühl in überfüllten Bussen einmal abgesehen. Mir fällt es leicht, mich an Maßnahmen zu halten – und diese auch von anderen einzufordern.

Und dann gibt es vieles dazwischen. Kinder, Eltern, Ältere, Risikopatienten, Klopapier-Prepper, die üblichen „Dagegen-Opportunisten“ – und, und, und. Zu den merkwürdigsten Erfahrungen in der Corona-Zeit gehört für mich, dass ich je nach Gegenüber merke, wie unterschiedlich die Krise und die eigene Position darin wahrgenommen wird und sich praktisch immer von meinem Standpunkt unterscheidet. Es ist, als würde jeder in seinem eigenen Film stecken – auch wenn viele zum Glück trotzdem aufeinander aufpassen.

Dieses „im eigenen Film stecken“ macht mich für die zweite Wellte allerdings auch skeptisch. Im März war das alles noch neu und bedrohlich, mittlerweile hat sich jeder mit Corona auf seine Weise arrangiert. Dieses Gefühl, dass „wir“ als Gesellschaft da alle an einem Strang ziehen, das ist futsch. Jeder wurstelt sich wieder so durch sein Leben, die Ausnahmesituation hat sich in eine neue Prä-Impf-Normalität gewandelt. Und die negativen Auswirkungen einer schrumpfenden Wirtschaft werden zunehmend für viele Menschen spürbar.

Wird es schlimmer, werden Sündenböcke gefunden

Schuld sind hier immer die anderen: Die Reiserückkehrer, die feiernden Jugendlichen, Hochzeitsgesellschaften – aber auch Bill Gates oder die Chinesen. Manches stimmt, manches ist übertrieben, manches völlig wirr. Aber allen gemein ist das große Sendungsbewusstsein, mit dem auf vermeintliche Sündenböcke verwiesen wird, während sich das Virus tatsächlich längst exponentiell und zunehmend kaum mehr nachverfolgbar vermehrt.

Ich frage mich, wo das hinführt. Ob wir als Gesellschaft am Ende noch die Kurve kriegen und kühlem Kopf aber engagierten Herzen unser Leben vorrübergehend auf das Virus einstellen – oder uns doch lieber für Streit, Spaltung und Halbherzigkeit entscheiden?

Ich habe da so einen Verdacht.

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Thomas

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