Plötzlich Quarantäne

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Was macht man eigentlich, wenn man sich möglicherweise angesteckt hat, die Corona-Warn-App auf Rot springt, es einem aber prima geht? Wenn das Gesundheitsamt sich glücklicherweise nicht für Dich interessiert, Du umgekehrt aber auch ein Stück weit allein gelassen wirst mit der Situation? Ich habe es die letzten Tage für Euch ausprobiert!

Kontaktketten nachverfolgen

Vorab: Mir geht es bestens und die freiwillige Quarantäne, in die ich mich begeben habe, endet zum Glück bald. Ich glaube auch nicht, dass ich jemals auch nur in der Nähe eines Corona-Virus gewesen bin. Aber man weiß es eben nicht. Es gibt da eine gewisse Wahrscheinlichkeit – und genau hier liegt der Hase im Pfeffer.

Ohne jetzt auf die genaue Hintergrundgeschichte einzugehen: Ich hatte bereits wenige Tage nach der sogenannten Risikobegegnung den Hinweis erhalten, dass da etwas sein könnte. Anfangs war es nur jemand, der jemanden kannte, der sich Corona eingefangen hat. Ein paar weitere Tage später war dann auch meine Kontaktperson selbst erkrankt.

Berechnet man Inkubationszeiten mit ein und schaut sich die konkrete Situation an, in der ich die Person getroffen hatte, ist eine Ansteckung möglich. Das Gesundheitsamt geht aber davon aus, dass zu dem Zeitpunkt kein großes Risiko für mich bestand. Weiter hat man sich für mich nicht auch nicht interessiert.

Es mag vielleicht merkwürdig klingen, aber: Das war für mich die beste Meldung der letzten Woche. Das hatte etwas buchstäblich Amtliches, etwas Verlässliches. Das Gesundheitsamt, so meine Hoffnung, hat sich da die Kontaktwege schon genauer angeschaut, hat Erfahrungswerte und kann Risiken gut einschätzen. Wenn die mich nicht auf dem Radar haben (wollen), dann kann es so schlimm nicht sein.

Corona-Warn-App auf Rot

Zwei Tage später sprang dann die Corona-Warn-App auf Rot. Am Ende der ganzen Benachrichtigungskette, aber immerhin. Ich weiß, wann da wer wen informiert hat, wann Tests gemacht wurden und wie lange es dauerte, bis aus dem Labor die Ergebnisse kamen. Die Corona-Warn-App, so meine Erfahrung, war da schon recht flott. Trotzdem lagen bei mir zwischen Risikokontakt und Benachrichtigung acht Tage.

Corona-Warn-App auf Rot – Erhöhtes Risiko
Erst nach acht Tagen sprang meine Corona-Warn-App auf Rot. Das ist schnell und doch langsam.

Acht Tage – das ist einfach zu lang. Ich erwähne es aber trotzdem, weil ich erst mit dem roten Aufleuchten der App die Möglichkeit gehabt hätte, selbst kostenfrei und in der Nähe einen Test zu machen. Vorher, immerhin in einer Verdachtssituation, hätte ich zum nächsten Flughafen (!) fahren und dort mit anderen möglicherweise Infizierten stundenlang anstehen und am Ende dafür auch noch 50 Euro zahlen müssen. Übrigens eine direkte Folge der neuen Teststrategie des RKIs, nicht mehr jeden Verdachtsfall zu testen.

Aber das alles nur am Rande. Was mich wirklich beschäftigt hat war, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Ich schwankte zwischen: „Naja, wenn das Amt sagt, alles ist super, dann Hurra!“ und „Was, wenn doch was ist und ich jetzt durch die Gegend laufe und Menschen anstecke?“. Plötzlich wird die Verantwortung, die in der Pandemie ohnehin jeder einzelne von uns trägt, sehr real. Ich entschied mich dann zu einer Art „Doppelstrategie“. Einerseits gehe ich davon aus, dass ich gesund bin und es auch bleibe – anderseits verhalte ich mich aber so, als wäre ich ansteckend.

Übrigens: Ich habe mich nicht testen lassen. Solange ich mich zurückziehen kann, sehe ich darin keinen Mehrwert. Bis die Ergebnisse da sind, ist meine freiwillige Quarantäne schon wieder vorbei.

Hauptsache Schokolade

Ich habe mich also knapp zwei Wochen zuhause eingeschlossen, bin nur mal abends zum Spazierengehen und zum Joggen (ja!) rausgegangen. Wenn ich draußen war, habe ich maximale Bögen um Menschen geschlagen, was diese einem nicht immer einfach machen:

„Ihr müsst mir schon etwas entgegenkommen, wenn ich auf den Abstand achten soll!“

Ich hatte zum Glück noch einige Vorräte hier daheim – das Nötigste hat außerdem eine Freundin für mich eingekauft. Mehr noch: Sie hat mich auch in den letzten Tagen mit dem Unnötigen wie Schokolade, Wein und Hafermilch (für den perfekten Kaffeegenuss!) versorgt. Außerdem habe ich ein paar Mal bei zwei kleinen Restaurants hier im Stadtteil bestellt, denen aktuell die Umsätze wegbrechen. Schlemmen und helfen, ein tolles Konzept!

Mit anderen Worten: Ich habe es mir die letzten Tage gut gehen lassen. Ich kann das für so eine Situation auch nur jedem empfehlen: Belohnt Euch jeden Tag für den ganzen Mist. Und macht Euch im Vorfeld schon Gedanken, wie Ihr das Leben organisiert, wenn Ihr mal nicht in den Supermarkt könnt. Schokolade ist unnötig, aber lebenswichtig!

Corona-Verdacht: Wem sagt man Bescheid?

Schwieriger und deutlich unangenehmer war es, meine eigenen Kontakte zu benachrichtigen. Zum Glück war das in meinem Fall nur ein Frisörbesuch – zwei Tage nach meiner Risikobegegnung. Danach wusste ich schon Bescheid und hab keine fremden Innenräume mehr betreten und bin auch sonst keinem Menschen mehr zu nah gekommen.

Verhaltensregeln der Corona-Warn-App, wenn diese auf Rot springt.

Ich hatte lange überlegt, ob ich der Frisörin Bescheid geben soll oder damit nur die Pferde unnötig Scheu mache. Ich hatte sie dann angerufen und sehr deutlich gesagt, dass zwar eine Möglichkeit besteht, es aber unwahrscheinlich ist. Auch hier half es mir, auf das Gesundheitsamt zu verweisen.

Rückblickend denke ich aber, ich hätte gar nicht Bescheid sagen sollen, die Frisörin war verständlicherweise „not amused“. Immerhin hängt ihre Existenz an ihrem kleinen Salon. Dass sie diesen nicht auf einen wagen Verdacht hin für zwei Wochen schließt, kann ich gut verstehen. Zumal wir auch die ganze Zeit brav Masken getragen haben. Durch meine Warnung habe ich sie einerseits zwar sensibilisiert – und das ist gut. Anderseits aber auch bestimmt Ängste bei ihr ausgelöst, was mir furchtbar leidtut.

Das ist ein echter Graubereich, ein moralisches Dilemma. Und ja, hinterher ist man immer schlauer.

Privilegiert durch die Pandemie

Unterm Strich saß ich zwei Wochen lang daheim, hab mir Pizza liefern lassen und viel Netflix geschaut. Da soll noch einer sagen, meine Studentenzeit hat mich nicht auf das Leben vorbereitet!

Aber im Ernst: Ich weiß, dass ich damit unheimlich privilegiert bin. Privilegiert, eine Wohnung zu haben, in der ich es zwei Wochen aushalte. Privilegiert, einen Job zu haben, den ich aktuell von zuhause aus machen kann. Privilegiert, mir einfach jeden zweiten Abend essen liefern zu lassen. Und nicht zuletzt privilegiert, von Menschen umgeben zu sein, die den Corona-Mist ernst nehmen, die sich klug und besonnen verhalten.

Unabhängig von mir ging da eine Kontaktkette zu Ende – und das ist in Zeiten, in denen in Leipzig und andernorts Zehntausende egoistischer Arschlöcher auf das Leben ihrer Mitmenschen pfeifen, schon viel Wert. Bleibt achtsam, seid vorsichtig – und geizt nicht beim Essen!

Über den Autor

Thomas

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