Stadtbilder

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In unregelmäßigen Abständen möchte ich hier im Blog Fotos und die dazugehörigen Geschichten posten. Den Auftakt mache ich mit einem Schnappschuss, den ich im Alten Elbtunnel geschossen habe.

Eigentlich war mein Plan, die Tiefe des Elbtunnels mit Stativ und kleiner Blende einzufangen. Vor allem das Kunstlicht hat es mir dabei angetan, sorgt es im Schwarz-Weiß-Modus doch für eine herrliche “Film Noir”-Atmosphäre. Die leichte Bewegungsunschärfe, die die Passanten aufgrund der höheren Belichtungszeit erhalten, unterstreicht diese düstere Atmosphäre– und gibt dem Bild auch irgendwie mehr Authentizität. Nun. Soweit die Theorie. Und wenn wir mal ehrlich sind: Jeden Tag entstehen hunderter solcher Bilder, geschossen zumeist von Touristen.

Das Digitalfoto im Zeitalter der Cloud

Was mich von den Touri-Mengen an jenem Tag unterschieden hat: Mein Stativ. Damit fällt man gleich auf. Ich muss dazu sagen: Ich fotografiere bewusst mit einer Sony RX100, einer Kompaktkamera. Ich hasse es, aufzufallen. Mir ist das immer etwas unangenehm – und oft reagieren die Menschen sofort auf Objektive. Sie flüchten, grinsen oder ziehen Grimassen. Und eigentlich möchte ich die Menschen nicht oder nur als Passanten auf den Bildern haben. Fremde Menschen in den Fokus zu stellen, finde ich übergriffig. Auch wenn das an öffentlichen, touristisch interessanten Plätzen, wie dem Alten Elbtunnel, eben einfach dazu gehört. Modern Times.

Bei diesem Bild passierte das unfreiwillig. Ich hab die Frau gar nicht gesehen, weil ich so auf die Flucht der Beleuchtung konzentriert war und nebenbei noch am Stativ rumgeschraubt habe. Eigentlich war das Bild nur ein “Testschuss” – erst später am Abend, als ich die Bilder auf mein Telefon gezogen habe, hab ich die Körpersprache gesehen: Demonstratives Wegdrehen und “Daumen Hoch”.

Ich weiß bis jetzt nicht, ob es gut ist, das Bild zu veröffentlichen oder nicht. Mir gefällt es ungemein und die Frau ist, bei aller Liebe, wirklich nicht zu erkennen. Das Gesicht ist weggedreht und überhaupt technisch sehr verrauscht. Dazu der Mund-Nase-Schutz. Nein, beim besten Willen: Selbst irgendwelche Gesichtserkennungsalgorithmen werden damit nichts anfangen können. Und: Wir sind an einem öffentlichen Ort.

Anderseits? Muss man das, wenn die Körpersprache doch eher ablehnend ist? Ich hab mich daraufhin entschieden, es nicht auf Instagram zu posten und zu verhashtagen, also keine Öffentlichkeit zu provozieren. Der Blog hingegen ist klein, die Anzahl der Leserinnen und Leser doch sehr überschaubar. Ich denke, ich verletze niemanden, wenn ich das Foto hier einmal veröffentliche. Und falls doch: Eine E-Mail (thomas@delecat.de) reicht.

Spannend ist es dennoch: Denn die Frau wurde vor, während und nach meinem Foto sicher noch dutzende Male fotografiert. Genau wie ich dutzende Male fotografiert wurde. Und man sollte auch nicht glauben, dass das alle nur für ihre Privatsammlung fotografieren. Im Gegenteil: Ich denke, man kann davon ausgehen, dass Fotos immer schon halb in der Öffentlichkeit hängen, nachdem der Auslöser gedrückt wurde. Gerade bei schnellen Handy-Schnappschüssen. Das ist mittlerweile aber so sehr Normalität geworden, dass man es kaum noch wahrnimmt. Den Unterschied macht die Technik, machen große Objektive und Stative. Und das ist ein Stück weit irrational.

Und der Grund, warum ich meine RX100 so mag.

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Thomas

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Von Thomas

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