Nachrichtenagonie – über die Unlust an Information

N

Zu den merkwürdigsten Effekten, die ich in den letzten Monaten an mir wahrnehme, gehört eine Nachrichtenagonie. Bis noch vor wenigen Monaten war ich ein regelrechter News-Junkie und konnte oft stundenlang täglich Spiegel Online & Co. „leerlesen“. Mittlerweile interessiert das oft nur noch am Rande.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte mich auf dem Laufenden, alles andere wäre unverantwortlich. Aber ich tue das ohne jede Leidenschaft. Woran liegt das? Bei mir im Kern an zwei Dingen.

Relotius im Geiste

Ich glaube, ein Grund liegt in den Nachrichtenformaten und den Zwängen der Aufmerksamkeitsökonomie. Ich für meinen Teil mag einfach keine szenischen Einstiege mehr lesen, kein Rumgefeature, kein blumiges und oft auch etwas eitles Gelaber von Online-Redakteuren, mit denen im warmen, Hamburger Homeoffice die Pferde durchgehen. Fakten und Informationen werden in Prosa verdünnt und immer und immer wieder neu aufgerührt, solange der Spin noch Klicks und Likes generiert. Einlullung statt Einordnung. Claas Relotius, aber als Gattungsform.

Reines Medienbashing ist mir jetzt jedoch dann auch etwas zu billig. Meine Nachrichtenagonie hängt natürlich auch, wie so vieles in diesem furchtbaren Jahr, mit Corona zusammen. Diese ganze Ballung von Hiobsbotschaften: Klima, Rechtsruck, Syrien, Corona, Trump, Wirtschaft, Weltpolitik, Putin. Und zu jedem Thema fünf Meinungen, bei denen sich alle gegenseitig als Schlafschlafe oder Aluhüte beschimpfen. Es ist so anstrengend.

Bad news overkill

Vielleicht ist Nachrichtenagonie meine Art, darauf zu reagieren. So wie andere in der Corona-Krise ins Reich des Fantastischen abdriften, mache ich dicht. Ich stecke mir die Finger in die Ohren und singe „Lalala“, während andere schon von einem zwangsimpfenden, durch Soros und die Schlümpfe finanzierten Bill Gates fabulieren, der uns mit 5G-Gedankenstrahlung zu unfruchtbaren Konsumsklaven umvolkt. You name it. Wenn die Fakten so düster sind, sucht sich jeder eben so seine Wege, die Wirklichkeit runter zu regeln.

So bemerke ich einen bedenklichen Shift in meinem Medienkonsum. Ich lese häufig nur noch Überschriften und Teaser-Texte, bevorzugt direkt im Twitter- oder Facebook-Feed. Ich vertraue darauf, dass ich meine Filterblase gut justiert habe, kein Bullshit durchdringt und mir die wirklich wichtigen Themen schon gut konsumierbar in wöchentlichen Podcasts aufbereitet werden. Dafür zahle ich sogar – mein Steady-Konto ist gut kuratiert. Meinen Gatekeepern soll es schließlich gut gehen!

Im Kern aber – und da mache ich mir nichts vor – läuft es bei mir gerade auf einen Medienkonsum hinaus, der unseren Wutbürgern und Verschwörungshanseln nicht unähnlich ist. Ich überfliege Texte, interessiere mich für viel zu wenig und suche nach Welterklärern, die mir die Komplexität mundgerecht reduzieren. Wohltemperierte Empörung inklusive. Herrlich!

Wo das wohl hinführt? Und ob das wieder irgendwann aufhört? Und wo, nur für den Fall, bekommt man eigentlich günstig Aluminiumfolie?

Über den Autor

Thomas

Schreib einen Kommentar

Von Thomas

Darum geht’s: