Ein guter Freund

Ein guter Freund

Stell Dir vor, Du hast einen guten Freund und Du weißt, dass sich dieser regelmäßig bei zwielichtigen Typen mit Haschisch eindeckt. Du und dieser Kumpel, ihr versteht Euch eigentlich ganz gut, trotzdem gab es in den letzten Jahren immer mal wieder kleinere Reibereien. Und nicht zuletzt hat Dein Kumpel eine äußerst finstere Vergangenheit. Würdest Du ihm blind vertrauen?

So könnte man vielleicht die deutsch-amerikanischen Beziehungen beschreiben. Und Du ahnst es schon: Deutschland ist in diesem Fall der gute Freund, der seinen Stoff gerne bei Russland einkauft. Mehr noch: Dessen ehemaliger Kanzler mittlerweile auf dem Lohnzettel Putins steht. Deutschland hat gegen den Irak- und den Libyen-Krieg votiert und die finstere Vergangenheit – ach, wollen wir mal nicht so weit ausholen.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht. Ich kann verstehen, dass die USA zumindest einen Blick hinter die Kulissen werfen wollen. Nicht aus Feindschaft, sondern aus purem Eigeninteresse. Mich würde es im Umkehrschluss auch interessieren, was die USA so treiben, wenn sie beispielsweise mit China irgendwelche Abkommen schließen.

Vereinfacht gesagt: Spionage gehört zur internationalen Politik. Zu glauben, Freundschaft verbietet das gegenseitige Ausspionieren, ist schlicht naiv. Es gehört dazu. Und sollte der Bogen mal überspannt werden, gibt es diskretere Wege seinen Unmut Luft zu verschaffen, als den öffentlichen Pranger. Das die Bundesregierung trotzdem wie ein getretener Hund reagiert, hängt schlicht mit dem Kalkül zusammen, antiamerikanische Ressentiments in der Bevölkerung zu bedienen. Platt gesagt: Der defacto Rauswurf des hiesigen CIA-Chefs ist die Handreichung der Regierung an die spinnerten Montagsdemonstranten. Fehlt nur noch, dass sich Frau Merkel und Herr Gabriel Hüte aus Aluminium aufsetzen.

Man könnte die Frage stellen, warum eigentlich ausgerechnet jetzt? Wo war die inszenierte Empörung, als herauskam, dass die Kommunikationsdaten von Millionen von Bürgern ausspioniert wurden und werden? Da bemühte man sich noch (zurecht), zwischen einem demokratischen Geheimdienst und der Stasi zu unterscheiden. Kaum aber, dass die Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik selbst zum Spionageziel werden, schreit die Regierung Zeter und Mordio. Das Volk ist nichts, seine Institutionen alles.

Dieser Aufschrei ist populistisch, weil er den Antiamerikanismus bedient. Er ist nationalistisch, weil er sich über symbolträchtigen Kleinscheiß aufregt. Und er ist dumm, weil er die Freundschaft zu den USA gefährdet.

Comments

  1. says

    Man könnte aber auch fragen: Würdest du bei deinem guten Freund, der schlechten Umgang hat, im Handy spionieren, wenn er kurz auf dem Klo ist? Aus purem Eigeninteresse? Das würde er zu Recht nicht besonders gut finden, wenn das ans Licht kommt.

    Die Freundschafts-Metapher hinkt daher etwas. Bei Beziehungen zwischen Institutionen gehört Informationsbeschaffung immer dazu, da würde ich dir zustimmen, hier ist allerdings der Begriff “Freundschaft” auch eher symbolisch zu verstehen als emotional. Ich glaube, es geht bei der Empörung über das Ausspionieren der Regierung eher um Machtverhältnisse – wann muss man als Regierung zeigen, dass es nun genug ist – denn um enttäuschtes Vertrauen. Wäre es nie an die Öffentlichkeit gelangt, hätte man auch nicht reagieren müssen, auch mit dem Wissen, dass man höchstwahrscheinlich ausspioniert wird. Ist andersrum sicherlich auch der Fall.

    Und ein Aspekt, der noch zur unterschiedlichen Bewertung beitragen könnte: die einzelne Bürgerin geht davon aus, dass sie nichts zu verbergen hat bzw. ihr Alltagsgedöns eh nicht interessiert – sollen doch die USA ihre to-do-Listen in ihrer App ausspionieren, wenn es ihnen Spaß macht. Die Regierung jedoch, denkt sich die Bürgerin, hat wichtige, bedeutsame Informationen, die nicht jedes Land wissen sollte.

    Ich würde dir also nur zum Teil zustimmen, aber das Thema hat so viele Aspekte, dass es wohl auch gar nicht anders geht.

    • Thomas says

      Vergleiche hinken immer, dass ist ja das schöne daran. ;)

      Die Privatsphäre ist aber ein Grundrecht mit Verfassungsrang, das allein durch US-Dienste hunderttausende Male verletzt wurde und wird. Es stellt sich schon die Frage, warum sich darüber weder die politisch Verantwortlichen noch der Urnenpöbel aufregt, wir jetzt aber so einen großen Skandal haben.

      Es geht eben um Volk und Vaterland und darum, sich moralisch den vermeintlich bösen USA überlegen zu fühlen. Vielleicht nicht bei Dir, aber bestimmt bei einer Mehrzahl der Empörten.

      Das halte ich für naiv und selbstgerecht.

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