Kneipen-Hopping

Kneipen-Hopping

Zu den großen Unsitten meines Freundeskreises gehört es, möglichst nie länger als einen Drink in einer Bar sitzen bleiben zu wollen. Kneipen-Hopping nennt sich das Spektakel und endet, nebst eines dicken Schädels, meist darin, dass man im Verlauf des Abends komfortable Sitzplätzen mit engen, dicht gedrängten Stehplätze tauscht. Vielleicht werde ich ja einfach nur alt, aber mir entzieht sich der Sinn solcher Aktionen.

Das Gras des Nachbarn ist bekanntlich immer grüner. Dieser Logik folgend ist vermutlich auch das Bier in anderen Kneipen immer süffiger. Bleibt man zulange an einem Ort, hat man scheinbar die Angst, irgendetwas von Bedeutung zu verpassen. Man ist wie ein Getriebener im flackernden Kunstlicht der nächtlichen Vergnügungsmeile. Und das betrifft scheinbar nicht nur meine Freunde, man hat den Eindruck, dass fast die ganze Stadt eine exzessive Freude am Kneipen-Hopping besitzt. Wenn aber ohnehin alle unentwegt in Bewegung sind, macht es da überhaupt noch Sinn, selber in Bewegung zu bleiben? Riskiert man nicht, einfach im gleichen Turnus mit anderen Pappnasen von einer Theke an die nächste zu wechseln? Wie die Gondeln eines Karussells, eines großen Wokda-Fahrbude, einem Kirmes der Schnapsleichen? Ist es da nicht viel klüger, einfach sitzen zu bleiben und die immer neuen Menschen zu begaffen, die an einem vorbei laufen?

Oder liegt die Magie in Wahrheit zwischen den Kneipen? In der kalten Frühlingsluft, die einem den Alkohol erst so recht spüren lässt? Aus dem Gemisch aus Mondlicht, Neonlicht und dem Gejohle anderer Kneipen-Hopper? Vielleicht sehe ich das alles viel zu technisch, zu zweckbezogen? Vielleicht muss man das gepflegte Gruppenbesäufnis als einen pulsierenden, atmenden Organismus sehen, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Vielleicht ist Kneipen-Hopping eine Art Trinker-Esoterik, die hohe Kunst, das Chi im Einklang mit dem Blutalkohol zu bringen und so wieder eins zu werden mit Mutter Natur? Das große, ozeanische Gefühl auf der – allen Zeitgeistern erhabenen – Basis von Bier!

Ich weiß es nicht. Ich würde einfach mal gerne einen Abend irgendwo sitzen bleiben.

Comments

  1. says

    Also ich finde, wir sitzen eigentlich immer recht erfolgreich statisch in einer Kneipe pro Abend herum. Es sei denn, wir werden verscheucht. Oder liegt das an mir und allen anderen Abenden wirst du herum gejagt?

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