Progressive Nachäffung

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Als sich Steve Jobs anschickte, die Welt mit seinen iPhones zu verändern, wurde der Rollkragen-Pullover zu seinem Markenzeichen. Einige Zeit lang war er damit regelrecht zur stilbildenden Ikone geworden. Nicht wenige Menschen aus Tech- und Kreativwirtschaft entdeckten plötzlich ihre Vorliebe für schwarze Schurwolle am Hals.

Ich halte Steve Jobs Rollkragenpullover für ein harmloses Beispiel für das, was ich mal als progressive Nachäffung bezeichnen will. Unter progressiver Nachäffung verstehe ich, dass Menschen Optik, den Stil und den Gestus eines Vorbildes imitieren, um gleichsam selbst etwas von dessen Ruhm auf sich abfärben zu lassen.

Im Fall von Steve Jobs waren das unzählige Angestellte in mittleren und oberen Führungspositionen, die ihren sterbenslangweiligen und durch und durch gewöhnlichen Ideen den Nimbus der Genialität eines Steve Jobs anhängen wollten. Eine Art disruptiver Chique – den man auch dann ohne jeden Selbstzweifel vor sich herträgt, wenn es am Ende darum geht, das Design eines Joghurtbechers zu gestalten. Ich bin mir sicher: Irgendwann in den frühen 10er-Jahren hatte jede größere Firma ihren eigenen kleinen Steve Jobs.

Das Schlimme an der progressiven Nachäffung ist, dass diese in der Regel völlig ironiefrei geschieht. Man glaubt, wirklich Teil einer neuen Idee, eines neuen Ansatzes oder gar einer ganz neuen Bewegung zu sein. Man sieht sich vorne mit dabei, glaubt, wirklich verstanden zu haben, wie die Dinge laufen. Das hat ideologische Züge – im Fall von Steve Jobs womöglich sogar protoreligiöse. Das ist gefährlich, denn eine solche Nachäffung tritt irgendwann an die Stelle des eigenen Denkens.

Solange es am Ende um das Design eines Joghurtbechers geht, bleibt das trivial. Entweder – und davon bin ich überzeugt – ist es am Ende gar nicht so wichtig, mit welchen Eitelkeiten sich beispielsweise der Chefdesigner so herumgeschlagen hat. Anderseits fördert es vielleicht den Verkauf am Ende, wenn der Becher sanft geschwungene Rundungen bekommt, wie ein iPhone. Progressive Nachäffung zahlt schließlich auf den allgemeinen Zeitgeist ein, also adressiert etwas sehr Vertrautes bei den Käufern von Joghurtbechern.

Anders ist es, wenn es politisch wird. Dann wird progressive Nachäffung schnell gefährlich – und alles andere als „progressiv“. Dann trifft so eine Mischung aus Anti-Establishment-Denken, einer vulgären Vorstellung von Disruption, auf die Überzeugung, man wäre unbedingt im Recht. Es ist kein Wunder, dass gerade die Querdenken-Szene sicher zunehmend radikalisiert. Hier geht es nicht nur um die Deutungshoheit über Fakten, hier geht es auch um den rebellischen Habitus – ich glaube sogar, dass dieser für viele sogar das treibende Motiv ist.

Aber was weiß ich schon. Am Ende blicke ich auch nur aus meiner Perspektive auf eine unklare, sich wandelnde Welt. Schön wäre es, wenn ich das Gefühl hätte, den Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart in den Händen zu halten. Aber das tue ich nicht – ich könnte diesen allenfalls auch nur wie ein iPhone designen.

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Thomas

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