Vom Strahlen eines unscheinbaren Menschens

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Ein Mensch ist gestorben – hier in meiner Nachbarschaft. Eine Frau, die ich absolut nicht kannte, aber oft hier auf den Straßen gesehen habe. Sie war ein Mensch, der herausstach – nicht zuletzt, weil sie immer im Gespann mit ihrem Hund unterwegs war. Vor allem aber muss sie ein Mensch gewesen sein, der andere Menschen tief bewegen konnte.

Von ihrem Tod erfuhr ich durch diverse Facebook-Gruppen, in denen sich binnen weniger Tage hunderte von Kommentaren anhäuften – wie in einem öffentlichen Kondolenzbuch. Viele Geschichten gleichen sich, darüber, was für ein herzensguter Mensch sie war, was für fantastische Gespräche man mit ihr führen konnte, selbst wenn man ihr nur zufällig über den Weg lief. Und das da immer etwas hängen blieb, dass es etwas mit einem machte, wenn man sie kannte. Und zwar auf eine tiefe, herzensgute Weise.

Sie soll allein in ihrer Wohnung gestorben sein. Ihr Hund hat dann solange gebellt und Alarm geschlagen, bis die Nachbarn dann reagiert haben. Ein einsamer Tod am Ende eines Lebens, das wie jedes Leben einzigartig und unwiederholbar war, das bestimmt großartige Freuden und abgrundtiefe Ängste kannte. Aber hier fange ich an zu spekulieren, weil es mich traurig macht. Und vermutlich auch, weil es meine eigenen Ängste vor dem Sterben in Einsamkeit triggert.  

Der „wüste“, erste Eindruck

Was ich sagen kann ist, dass diese Frau auf mich einen Eindruck hinterlassen hat – obwohl ich sie nur vom Joggen kannte. Als Läufer entwickelt man ein gewisses Radar für Hunde, schließlich wird man immer mal wieder von ihnen angebellt, angeknurrt und manchmal auch angesprungen. Dafür können die Hunde nichts, verhalten sie sich doch nur so, wie sie von ihrem Frauchen und Herrchen erzogen wurden. Entsprechend mustere ich immer die Hundehalter – und ändere manchmal meinen Laufweg, wenn meine Sensoren Alarm schlagen.

Auf Facebook beschrieb jemand den ersten Eindruck, den man von der Frau haben konnte, als „wüst“. Das trifft es, ohne jetzt auf Details einzugehen. Entsprechend habe ich anfangs immer einen Bogen um sie gemacht. Das sind Vorurteile und dumme Klischees in mir, ich weiß, aber von Hunden angesprungen zu werden, während man nur dünne Laufkleidung trägt, ist halt auch nicht geil.

Jedenfalls: Bei meiner dritten oder vierten Begegnung konnte ich nicht ausweichen. Ein gerader Weg, links und rechts nur Gebüsch und Fleet – ich hätte schon auf der Stelle Kehrt machen müssen, aber das finde selbst ich mit meiner Hunde-Paranoia etwas albern. Also lief ich an ihr vorbei und fürchtete das Schlimmste. Passiert ist natürlich nichts – der Hund schnüffelte einfach tiefenentspannt weiter an irgendwas (hoffentlich) Grünem am Wegesrand.

Regelmäßiges über den Weg laufen

Und so verliefen dann auch die nächsten Begegnungen – bei denen ich dann auch nicht mehr irgendwie besorgt nach alternativen Laufwegen suchte. Dieses Frauchen und ihr Hund, die waren Okay. Ich schämte mich etwas, dass ich mal wieder viel zu sehr auf meinen ersten, von Vorurteilen versauten Eindruck gehört habe.

Dieser Eindruck sollte sich in den nächsten Monaten noch verfestigen: Sie drehte bestimmt dreimal am Tag ausgedehnte Runden mit ihrem Hund, entsprechend lief sie mir (bzw. ich ihr) regelmäßig über den Weg. Und oft stand sie dann irgendwo mit einem Bekannten und quatschte. Auch hier: Mein Vorurteilsmotor im Kopf dachte, sie sabbelt die Passanten mit schrägem Zeug dicht.

Ihre Gesprächspartner wirkten aber immer sehr zugewandt, offen und im Gespräch engagiert. Und wenn man ihr beim Reden zuschaute, die Mimik und Gestik, dann war da nichts mehr von dieser „Wüstheit“, sondern man sah einen klugen Geist durch ihre wachen Augen funkeln. Zumindest von außen – und die bereits erwähnten Kommentare in den Stadtteilgruppen auf Facebook scheinen das zu bezeugen.

Vorurteile und Umwege

Nun – was auch immer sie für ein Mensch gewesen sein mag, ich werde es nun nicht mehr herausfinden. Was bleibt ist ein Echo, das sie in mir hinterlassen hat – und das gewiss auch viel mit mir selbst zu tun hat.

Äußere Eindrücke, Vorurteile und die Wirklichkeit – dass sind alles ganz verschiedene Dinge. Manchmal verhindern sie, dass man von fremden Hunden angesprungen wird. Oft verengen sie das eigene Leben aber auch einfach nur. Vorurteile dürfen nie etwas Endgültiges werden, da man ansonsten irgendwann nur noch auf angstgetriebenen Umwegen durchs Leben läuft.

Und dafür danke ich ihr. Unbekannterweise. Sie war ein besonderer Mensch.

Übrigens, für den Hund ist gesorgt.

Über den Autor

Thomas

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