Corona-Mutation – ein paar Gedanken

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Das könnte alles verändern: Großbritannien meldete die Mutation des Corona-Virus. Bis zu 70 % ansteckender soll diese Variante sein. Noch über Nacht wurden Ausgehverbote über den Großraum London verhangen, die Regierungen der Niederlande und Schottlands kündigten bereits an, die Grenzen dicht zu machen bzw. den Flugverkehr zu beenden.

+++ Achtung: Christian Drosten hat sich im Deutschlandfunk sehr detailliert und vorsichtig optimistisch zum aktuellen Wissensstand geäußert, einige Stunden später auf Twitter aber Besorgnis geäußert, nachdem er Studiendaten aus England gesehen hat +++

+++ Nachtrag: Silke Jäger von den Krautreportern fasst den aktuellen Stand zu B117 gut, umfassend und verständlich geschrieben zusammen +++

Schutzmaßnahmen verlieren an Effektivität

Zum jetzigen Zeitpunkt ist schwer abzuschätzen, ob die Dramatik angemessen ist – oder die Corona-Mutation zahlenmäßig und räumlich begrenzt bleibt. Aber fast zeitgleich zur Horror-Meldung aus dem Vereinigten Königreich meldete auch Südafrika eine Mutation – hier wurde ein Corona-Virus entdeckt, der deutlich gefährlich für jüngere Menschen ist. Und auch die berüchtigte Corona-Variante, die Nerze befällt, sorgt immer wieder für Schlagzeilen.

Ich bin kein Virologe und kann nicht abschätzen, wie gefährlich diese Entwicklungen sind. Ein 70 % ansteckenderer Virus scheint mir aber erst einmal eine Mutation zu sein, die man getrost als Game Changer bezeichnen dürfte. Wenn zuvor rund 500 Viren nötig waren, um eine Infektion auslösen, reichen bei der neuen Variante bereits 350 Viren. Das bedeutet: Unsere Schutzmaßnahmen, allen voran das Tragen von Mund-Nasen-Schutz, verlieren deutlich an Wirksamkeit. Der R-Wert erhöht sich bei dieser neuen Virus-Variante mutmaßlich um 0.4 Punkte. Das wäre schlimm. Wirklich schlimm.

Corona-Mutation – eine Evolutionspraxis

Man könnte auch sagen: Das Virus passt sich unserem Verhalten an. Wir erleben hier gerade die Evolutionstheorie in der Praxis – die Virus-Variante, die sich am besten der Umwelt anpasst, setzt sich durch. Und die „Umwelt“ ist aus Sicht des Virus unsere Gesellschaft, die sich im Großen und Ganzen an die AHA-Regeln hält. Also muss das Virus diese Regeln besser unterlaufen. Genau das tut die Variante aus UK.

Ebenfalls könnte die neue, britische Mutation ein Grund dafür sein, dass wir in Europa die Pandemie aktuell einfach nicht in den Griff bekommen. Vielleicht ist das mutierte Virus schon längst da? Unter uns, seit Tagen? Und das wäre dramatisch: Ein deutlich ansteckenderes Virus „sickert“ in ein ohnehin schon teilweise außer Kontrolle geratene Infektionsgeschehen, das seit Wochen am Rande der Belastbarkeit des Gesundheitswesens fährt. Und das kurz vor Weihnachten – wo die Menschen mobiler und die Behörden zugleich im Urlaub sind.

Die verschlafene Digitalisierung entwickelt sich zur Todesfalle

Es rächt sich auch, dass Deutschland über Jahrzehnte die Digitalisierung verschlafen hat. Gesundheitsämter, die mit handschriftlichen Zetteln, Excel-Listen und Fax-Geräten arbeiten, während in China eine Art rotes Skynet jedes Naseputzen registriert, macht es dem Virus leichter. Ohne jetzt besondere Sympathie dem chinesischen Totalitarismus gegenüber aufzubringen: Die veraltete Technik unserer Behören sorgt für eine Ineffizienz, die wir uns bald vielleicht nicht mehr leisten können.

Man muss es aber mal ganz klar sagen: Dreht das Virus auf, haben wir diesem nicht mehr viel entgegenzusetzen, außer den kompletten und radikalen Lockdown inklusive Schulen, Betrieben, Einkäufen, Freizeitsport – ja: Inklusive allem und das zwingend solange, bis wir die Inzidenz soweit gedrückt haben, dass Herr Borowski vom Gesundheitsamt-Mitte wieder mit seinem Telefax und seinen geregelten Arbeitszeichen die Kontakte nachverfolgen kann. Dann mag es eine Normalität unter engen Rahmenbedingungen geben.

Ein mutierter Virus mutiert auch die Welt in der wir leben werden

Das anzunehmen ist aber utopisch: Eine Mutation des Corona-Virus kann allein hierzulande die Todeszahlen bis zum Sommer auf über 100.000 ansteigen lassen. Vermutlich würden wir uns mit einer Situation konfrontiert sehen, in der wir durch Impfungen bestenfalls das medizinische Personal und die ganz Alten geschützt bekommen – während alle anderen mehr oder minder auf die harte Tour „geimpft“ werden – durch Ansteckung. Ein mutiertes Corona-Virus bedeutet, dass die meisten von uns über kurz oder lang erkranken werden.

Von den sozialen Verwerfungen ganz zu schweigen. Wir werden populistische Debatten erleben wie: „Warum teilen wir unseren Impfstoff mit der Welt?“ oder „Warum impfen wir ausgerechnet die Alten?“. Wir werden Verschwörungsmythen hören wie: „Komisch das die Mutation ausgerechnet in UK auftritt, wo sie mit dem Impfen angefangen haben / der Brexit kommt“ bis „Die Mutation ist Teil eines geplanten Pandemie-Drehbuchs, war ja klar, dass das jetzt auftritt“. Irrationalen Cui-Bono-Querdenkern stehen goldene Zeiten bevor!

Und inmitten dieses Wahnsinns, dieser aggressiven Kakophonie, triagierender Kliniken und einer ins Bodenlose rauschenden Wirtschaft sitzen wir allein in unseren Wohnungen, erleben die Krise gleichsam asynchron – zeitversetzt, wie wir eine schlechte Netflix-Serie schauen. Was wird das mit uns machen? In was für einer Welt wachen wir auf, wenn der Sturm vorbeigezogen ist?

Hoffen wir, dass die Pferde gerade mit mir etwas durchgehen. Ich hatte schon drei Kaffee.

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Thomas

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Von Thomas

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