Eine kleine Rekonstruktion einer kleinen Desinformation

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Vor einigen Tagen purzelte eine recht abenteuerliche Meldung in meine Timeline: Wir sollen mal alle nicht so hysterisch auf Corona reagieren. Verfasser ist mutmaßlich der Tübinger Rechtsmediziner Dietmar Benz. Dieser Blogbeitrag ist der Versuch, die Dynamik einer Desinformation zu rekonstruieren.

Das Ganze fing am 13. Dezember an, als es Dietmar Benz einfach nicht mehr ausgehalten hat:

„Bis heute hatte ich mich standhaft gegen den Beitritt in öffentliche soziale Medien gewehrt. Die ( schon lange nicht mehr seriöse und unparteiische) mediale und politische Berichterstattung in der sich nun „ zuspitzenden Lage „ haben mich aber beim Vergleich mit den Fakten dazu veranlasst, nun öffentlich aufzutreten.“

Man erkennt schon in der Einleitung den typischen Schwurbler-Duktus des „so steh ich hier, ich kann nicht anders“. Und so geht es den ganzen, kurzen Text auch weiter. Ich möchte mich daher an dieser Stelle nur auf die Teile zitieren, bei denen Herr Benz nicht seine Bescheidenheit und Aufrichtigkeit feiert, sondern wo er zur Abwechslung mal inhaltlich wird. Wer den ganzen Text lesen möchte, braucht nur ein paar Wortfetzen aus dem obigen Zitat googlen. Hier sieht man auch wunderbar, wie sich dieser Text verbreitet – und von welchen Leuten.

Inhaltlich wird Benz, wenn er aus seiner Praxis als Gerichtsmediziner berichtet. Er rechnet die Leichenschauen aus, die er als Gerichtsmediziner durchgeführt hat:

„Für die Kalenderwochen 49 und 50 ( 30.11.-11.12. ) kann ich berichten, dass unter den 705 von mir durchgeführten Leichenschauen 132 Verstorbene ( = 18,7 % ) als Covid 19 positiv angegeben wurden ( hervorgehend aus den mir vorliegenden Sterbepapieren ).“

Und weiter führt er aus:

„Das Durchschnittsalter dieser als positiv angegebenen Personengruppe lag bei 84 Jahren. Unter Berücksichtigung […] kann ich ausführen, dass praktisch alle Covid positiv Verstorbenen schwere, meist mehrfache Vorerkrankungen […] aufgewiesen haben und bei mindestens 2/3 dieser Personengruppe ( wahrscheinlich eher deutlich mehr ) eine Covid 19 Infektion auch wegdenkbar ist, um das todesursächliche Geschehen zu erklären.“

Auch das „Argument“ ist nicht neu. Zusammengefasst: Die Leute sterben nicht an Covid sondern mit Covid. Zynisch wird Herr Benz, in dem er stark auf das Lebensalter abhebt und einen rein statistischen Mittelwert (Durchschnittsalter) auf das Sterbealter höchst konkreter Menschen bezieht. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Der sehr klar angedeutete, wenngleich tunlichst nicht ausgesprochene Subtext: „Naja, die wären halt eh bald gestorben“.

Es folgt eine alarmistische Litanei darüber, wie sehr der Lockdown doch Wirtschaft und Gesellschaft schadet und ein recht altkluges Geschwurbel darüber, dass der Inzidenzwert ja überhaupt sehr schwierig wäre. Darauf gehe ich hier nicht weiter ein, weil das wirklich auf einem sehr banalen Level stattfindet und mit Hinweis auf Positivquoten und Übersterblichkeit längst widerlegt wurde.

Man merkt sehr deutlich, dass Herr Benz hier einfach nicht auf der Höhe des Diskurses ist sondern halt niederschreibt, was ihm so durch den Kopf geht. Und das vermutlich auch ohne anschließende Korrekturphase, wie man z.B. an den zahlreichen fehlerhaft gesetzten Leerzeichen in seinem Text sieht.

Eine bunte Mischung sorgt für Grundrauschen

Mir wurde diese Meldung durch Mitglieder der Hamburger Linkspartei in die Timeline gespült – wenn ich das richtig recherchiert habe ausgehend von einer Praxis für traditionelle, chinesisch Heilkunst. Gepostet haben das nicht die hohen Funktionäre der Hamburger Linken sondern eher Mitglieder rund um die sogenannte Friedensbewegung.

Auf Twitter haben einige, vermutlich eher dem rechten Spektrum nahestehende Accounts den Text von Herrn Benz verbreitet – darunter auch ein Anhänger der QAnon-Bewegung. Besonders stark dürfte auch ein Beitrag des anonym betriebenen, ultra-katholischen „Hetz-Portals“ (Spiegel) Gloria.TV für Öffentlichkeit gesorgt haben. Außerdem finden sich auf der russischen Plattform VK-Kontakte Hinweise auf Verbreitung, z.B. durch eine selbsternannte „Freie-Deutsche-National-Kirche“.

Finanzwissenschaftler mit medizinischem Sendungsbewusstsein

Es zeigt sich also einmal mehr die merkwürdige Melange aus religiösen Extremisten, rechtsoffenen bis rechtsextremen, verschwörungsanfälligen und Teilen der Linken, die für das nötige Grundrauschen sorgen, damit sich eine Desinformation verbreitet. Was fehlt ist der „Sprung“ in die Medienwelt der sogenannten „normalen“ Leute. Und hier kommt Stefan Homburg ins Spiel, der den Text von Herrn Benz am 22. Dezember – also an einem Tag, als fast 1.000 Menschen in Deutschland an Corona starben – auf Twitter teilte.

Bei Herrn Homburg handelt es sich um den Direktor des Instituts für öffentliche Finanzen der Universität Hannover und Professor für öffentliche Finanzen. Ein Ökonom, der sich davon aber nicht abhalten lässt, sich immer wieder epidemiologisch zu Wort zu melden und die Bundesrepublik auch schonmal in die Nähe einer Diktatur meint rücken zu müssen.

Er nutzt seine akademische Aura, um die Desinformation auch in „seriösere“ Kreise zu spielen. Sein Kommentar zum Text von Benz, der u.a. einen Screenshot des Originalposts enthält, wurde immerhin über 1.000 mal retweetet. Wer sich etwas mit Netzwerkeffekten auskennt weiß: Das reicht, um eine kritische Masse aufzubauen, damit so ein Text viral geht. Dass dies in diesem Fall nicht geschehen ist, mag damit zusammenhängen, dass Herr Benz letztlich auch für Schwurbler wenig Neues beizutragen hat, außer etwas anekdotischer Evidenz – vielleicht liegt es auch einfach an den Feiertagen.

Kakophonie der Geltungssüchtigen

Dennoch sieht man sehr gut: Ein persönlicher Erfahrungsbericht eines Leichenbeschauers, der vor über 30 Jahren mal Medizin studiert hat, multipliziert mit der Querdenker-Bubble und der Reichweite eines fachfremden Finanzwissenschaftlers reichen, um Desinformation zehntausendfach zu verbreiten. Diese Mechanik ist brutal, denn echte Experten, die den Corona-Virus jahrelang akribisch studiert haben, wie Christian Drosten, kommen gegen diese Kakophonie nicht an. Und haben, um Drosten zu zitieren, auch Besseres zu tun.

Herr Benz hat seinen Beitrag und sein Profil auf Facebook mittlerweile übrigens auf „privat“ gesetzt. Sein großer „Beitritt“ in die sozialen Medien scheint also ein eher kurzes Gastspiel zu bleiben, über die Gründe kann man nur spekulieren. Das Original kann aber über den Google Cache noch gefunden werden.

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Thomas

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