Keine Wasserwerfer für Niemand?

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Mir geht seit letztem Mittwoch etwas nicht aus dem Kopf, das mir in meiner Filterblase aufgefallen ist. Da wurde lautstark und zum Teil höhnisch der Einsatz von Wasserwerfern gefordert, nachdem am 18.11. tausende Corona-Originelle durch Berlin zogen.

Genauer gesagt: Es kam sogar zum Einsatz eines Wasserwerfers, dieser war vielen Beobachtern aber offenbar nicht „beherzt“ genug. Man müsse schon in die Menge halten, so die Kritik. Und überhaupt: Wenn Linke demonstrieren, ist die Polizei nie so zimperlich!

Und das stimmt ja auch: Man erlebt oft eine ganz andere, viel offensivere Polizei, wann immer in diesem Land Menschen für Themen wie soziale Fairness, gegen Rassismus oder auch für Bürgerrechtsthemen auf die Straße gehen. Dass es mit der Neutralität in den Köpfen vieler Polizistinnen und Polizisten nicht so weit her ist, ist Gegenstand zahlloser Debatten. Gerade jüngst wieder hochkochend im Zusammenhang mit der sogenannten Rassismusstudie.

Wasserwerfer sind immer falsch

Aber das soll hier nicht Thema sein. Ich finde den Einsatz von Wasserwerfern generell scheiße – mal ganz platt gesagt und ganz unabhängig davon, auf wen diese gerichtet sind. Das hat auch einen konkreten Auslöser bei mir, nämlich die Bilder, die während der Stuttgart-21-Proteste entstanden. Da haben damals Menschen ihr Augenlicht verloren.

Entsprechend befremdlich empfinde ich es, nun den starken Staat zu fordern, der den selbsternannten Querdenkern und ihren Nazi-Kumpels mal ordentlich das Zahnpasta-Lächeln aus dem maskenfreien Gesicht spült. Ich möchte dann doch lieber das Gegenteil, nämlich das möglichst keine Wasserwerfer mehr zum Einsatz kommen, ganz gleich, welche politischen Ziele eine Demo hat.

Nun mag man entgegenhalten, dass das bei einer Demo voller Maskenverweigerer in Pandemiezeiten eine irrelevante Fragestellung ist. Dass es hier nicht um politische Fragen geht, sondern um Seuchenschutz. Dass sich hier tausende von Menschen mutwillig öffentlich versammeln und nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die Gesundheit ihrer Mitmenschen gefährden und ein ohnehin schon überlastetes Gesundheitssystem drohen an den Kollaps zu bringen.

Kein Wasser auf die Mühlen der Selbstradikalisierung

Dazu möchte ich zwei Dinge sagen. Zum einen, dass das ein völlig richtiges Argument ist, ich aber trotzdem bezweifele, dass es in irgendeiner Form hilfreich ist, Bilder und Erfahrungen von Polizeigewalt zu produzieren. Das schafft eine Opfererzählung auf Seiten der sogenannten Querdenker und schweißt diese Leute noch enger mit ihren Nazi-Kumpels zusammen. Außerdem entkoppelt ein solches „Wir gegen den Staat“-Gefühl diese Menschen von der Realität, verschärft am Ende also nur gesellschaftliche Spaltungen.

Es mag sein, dass viele sogenannte Querdenker einen autoritären Charakter haben und nach einer Kostprobe von der Staatsgewalt tatsächlich nicht mehr auf die Straße gehen. Das halte ich sogar für recht wahrscheinlich. Aber dann radikalisieren sich diese Leute nur umso ungehemmter in ihren Filterblasen und Echokammern. Auf der Straße indes kann man sich den Gegenprotest nicht entziehen, es gibt keine Blocken-Funktion in der echten Welt.

Ich halte die Entscheidung der Berliner Polizei, die Wasserwerfer nur „symbolisch“ einzusetzen, für eine sehr besonnene Entscheidung. Ich weiß nicht, welche Motive die Beamten geritten hat und fürchte das Schlimmste, aber in der Konsequenz war es richtig.

Der Spaltung mit Empathie begegnen

Zum anderen ist mir aber noch ein zweiter Punkt wichtig, der meiner Meinung nach gerade auch auf linksliberaler Seite beginnt verloren zu gehen: Die Empathie. Es hat ja Gründe, warum da Menschen protestieren. Da sind Existenzen bedroht. Ganz real. Ganz unmittelbar. Das muss man erst einmal anerkennen – und das tut man nicht, in dem man den scharfen Einsatz von Wasserwerfern fordert, weil wegen G20 und überhaupt. Nein – wer so ernsthaft argumentiert, der leistet der Spaltung der Gesellschaft von linksliberaler Seite aus Vorschub.

Womit ich freilich nicht einen Deut weniger kritisiere, dass man gemeinsam mit Nazis marschiert und auf die Gesundheit seiner Mitmenschen pfeift, weil das eigene Einkommen weggebrochen ist. Das es den sogenannten Querdenker zuallerst einmal selber an Empathie zu mangeln scheint, ist offensichtlich und lässt tief blicken. Wasserwerfer sind aber sicher nicht Teil der Lösung.

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Thomas

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