Sind ja nur Kinder …

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Herzlichen Glückwunsch – wir stehen vor einer 3. Corona-Welle. Die britische Mutante B117 nimmt an Fahrt auf – und wir öffnen erst einmal die Schulen.

Offen gestanden: Als kinderloser Typ fällt es mir natürlich leicht, das zu kritisieren. Epidemiologisch treiben offene Kitas und Schulen das Infektionsgeschehen in die Höhe, das ist mittlerweile unstrittig. Mit allen gesundheitlichen Folgen für die Kinder, die Eltern und die Lehrer. Long-Covid-Symptome inklusive.

unvorbereitet, Ungerecht und unreformierbar

Unstrittig ist auch, dass sich die föderale Bildungspolitik als nicht besonders krisentauglich erwiesen hat. Es fehlt an Konzepten, Technik und Luftfiltern – ja, vermutlich wird es auch noch immer Schulen geben, in denen sich Fenster nicht öffnen lassen und wo es an Seife und Warmwasser mangelt. Wie man es auch dreht und wendet: Wenn wir Kitas und Schulen öffnen, wird das die 3. Welle befeuern.

Anderseits liegt genau hier das Dilemma: Die deutsche Bildungspolitik halte ich für unreformierbar. Das oft inkompetente Klein-Klein der Länder und die ganzen Eitelkeiten unserer Kultuspolitiker sind ein Fakt, mit dem man leider rechnen muss. Schon in „Friedenszeiten“ schafft es unser Bildungssystem nicht über das internationale Mittelfeld hinaus. Gerade Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten haben zu wenig Chancen, ihre Potentiale zu entdecken, zu entwickeln und später den sozialen Aufstieg zu schaffen bzw. berufliche Ziele zu erreichen. Armut wird in Deutschland viel häufiger von einer Generation an die Nächste vererbt als in anderen OECD-Ländern – fast so, als hätten wir den Feudalismus nie ganz abgeschafft.

In Krisenzeiten verschärft sich dieser Mechanismus. Zugespitzt gesagt sitzen die Kinder der wohlhabenden Akademiker-Familien zuhause in ihren 30-Quadratzimmer-Kinderzimmern und lernen mit dem neusten iMac. Wenn sie Fragen haben, gehen zu sie zu ihren Eltern, die beide im Homeoffice arbeiten und liebevoll-singend alle Geheimnisse der binomischen Formeln kindgerecht und pädagogisch wertvoll vermitteln können. Und zur Belohnung gibt es für den kleinen Hugo noch eine leckere Rhabarberschorle. Hmm!

Kinder aus Hartz-IV-Familien sitzen hingegen am wackeligen Küchentisch und lernen auf ihrem angeknacksten, sechs Jahre alten Smartphone. Im Hintergrund schreit ein Baby und Vati sitzt betrunken vorm Fernseher und drückt dem kleinen Kevin einen 10-Euro-Schein in die Hand, damit er Pommes und Cola kaufen geht – was aber nicht reicht, wie Kevin 20 Minuten später merken wird, weil Papa – scheiße! – nicht rechnen kann.

Den Schaden trägt die nächste Generation

Ich übertreibe – und entschuldige mich für die dummen Hartz-IV-Klischees. Aber der Punkt ist klar, oder? Die Schule, und zwar der physische Raum Schule, hebt ein Stück weit die sozialen Unterschiede auf. Sogar hier in Deutschland. Und mehr noch: Die Schule ist der Ort, in der Kinder soziales Miteinander lernen, Freunde fürs Leben finden, sich verlieben – you name it. Auch das ist in Corona-Zeiten ungerecht verteilt: Es gibt Kinder, die vereinsamen völlig. Und andere nicht, weil sie z.B. in einer Nachbarschaft mit vielen anderen Kindern leben und mit denen seit einem Jahr spielen – Corona hin oder her.

Wie gesagt: Ich bin ein kinderloser Typ. Vermutlich wirkt das alles etwas hölzern und lebensfern auf Eltern. Aber selbst mir leuchtet ein, dass wir uns gerade an einer ganzen Generation versündigen. Und das nicht, weil wir möglichst viele Todesopfer vermeiden wollen – wäre dem so, wären Großraumbüros seit einem halben Jahr geschlossen und wir würden eine konsequente No-Covid-Strategie fahren. Nein: Wir versündigen uns an einer Generation, weil wir die Schulen nur als eine „Stellschraube“ unter vielen im Infektionsgeschehen sehen. Das empfinde ich als zynisch.

Eine Lösung habe ich auch nicht – aber das auch unsere Politik diese Lösung nicht hat, ja, sich die Politik nach einem Jahr Corona nicht einmal auf eine länderübergreifende, einheitliche Regelung einigen kann, das ist nicht nur Politikversagen, das grenzt schon an einem Verbrechen.

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Thomas

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