Bitte kein Scexit

B

Schottland hat gewählt – und es könnte zu einem erneuten Unabhängigkeitsvotum kommen. Um es mal ganz klar zu sagen: Ich halte das für einen gefährlichen Irrweg, der von zu vielen Europäern geradezu hämisch begrüßt wird.

Natürlich entscheiden die Schotten allein über ihre Zukunft – Stichwort: Selbstbestimmungsrecht. Wenn die Menschen im Norden des Vereinigten Königreichs sich mehrheitlich für die Unabhängigkeit entscheiden, ist das ihr gutes Recht. Das zu beurteilen, steht mir nicht zu. Als Europäer lehne ich einen Beitritt eines unabhängigen Schottlands zur Europäischen Union aber entschieden ab. Zumindest unter den aktuellen, geopolitischen Vorzeichen.

Da wäre zu einem die Signalwirkung an andere, europäische Provinzen, die einen eigenen Nationalstaat wollen. Katalanen, Norditalien oder die Bayern. Ich glaube nicht, dass eine weitere Zersplitterung in kleine Nationalstaaten irgendetwas progressives innewohnt, außer dass diese reichen Provinzen sich aus der Solidarität ihrer ärmeren Nationalstaaten lösen. Bislang hat die EU gut daran getan, sich aus diesen Konflikten herauszuhalten – sie sollte das im Falle Schottlands auch tun. Gerade, weil Schottland seit dem Brexit nicht mehr Teil der EU ist. Hier irgendwelche Signale der offenen Arme zu senden, hat zugleich auch einen aggressiven Beigeschmack gegenüber London. Und ich möchte keine EU, die in fremde Nationalstaaten spalterisch hineinwirkt. Das ist eine aggressive Außenpolitik.

Mehr noch aber denke ich als europäischer Bürger ganz egoistisch: Wie soll denn das aussehen? Eine EU-Außengrenze auf Höhe des Hadrianswall? Das ist doch absurd. Mir ist Boris Johnson und sein breitbeiniges Auftreten ja auch nicht sympathisch, gerade in der Corona-Krise, aber man muss doch auch mal die Kirche im Dorf lassen. Großbritannien ist nicht unser Feind – eine Zersplitterung des Königreichs nicht in unserem langfristigen, außenpolitischen Interesse. Wenn Schottland gehen will, bitteschön, aber es darf dann keine Drehtür in die EU geben – sorry. Denn damit vertieft man nur Gräben. Lieber wäre mir: Langfristig kommen die Menschen auf den britischen Inseln insgesamt wieder zurück zur EU. Und wenn nicht: Dann ist das eben ihre freie Entscheidung.

Diese gewisse Häme aber, mit denen einige einen EU-Beitritt Schottlands als Antwort auf den Brexit abfeiern, ist außenpolitischer Irrsinn. Das macht die EU kaputt. Mal abgesehen davon, dass mit jedem neuen Mitglied die EU noch handlungsunfähiger wird. Aber das ist ein anderes Thema.

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Thomas

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