Was nach Afghanistan bleibt

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Als nach 9/11 der sogenannte Krieg gegen den Terror und der NATO-Bündnisfall ausgerufen wurde, war ich durchaus für den Einsatz der Bundeswehr. 20 Jahre später bin ich schlauer – und auf vielen Ebenen sehr ernüchtert.

Der Bündnisfall

Vorab: Ich habe das nie bejubelt, dass die Bundeswehr nach Afghanistan geht. Aber ich kann schlecht die Mitgliedschaft in der NATO begrüßen, dann aber beim Ausruf des Bündnisfalls plötzlich kneifen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Und ganz salopp: Weder der Taliban noch Al Quaida hätte ich damals wie heute eine Träne nachgetrauert. Was mir damals aber auch bewusst war: Entweder, das Ganze wird „nur“ eine gezielte Kommandoaktion, um Al Quaida in ihren afghanischen Rückzugsräumen unter Druck zu setzen – oder man wird dort mindestens eine Generation bleiben müssen. Afghanistan befand sich damals schon seit Jahrzehnten praktisch durchgehend in Kriegen und Bürgerkriegen. Diese Gewaltspirale, so meine Hoffnung, kann nur dadurch durchbrochen werden, wenn eine Generation in Frieden und mit Bildung aufwächst.

Diese Hoffnung zerplatze wie eine Seifenblase, als die Taliban blitzartig in nur wenigen Tagen Afghanistan wieder unter ihre Kontrolle brachten. Was zurückblieb ist die nackte Angst vieler Menschen – unsere Medien sind die letzten Wochen voll von schauderhaften Bildern und Geschichten.

Gedanken zum Nation Building

Nation Building, soviel dürfte nach 20 Jahren westlicher Kriege in Afghanistan, Irak, Libyen und Mali feststehen, funktioniert nicht. Von außen lässt sich keine Gesellschaft mit Gewalt errichten – selbst, wenn dies unter den Vorzeichen von Menschenrechten und Demokratie geschieht, was oft ohnehin nur eine Schimäre ist. Geopolitik, amerikanische Wahlkämpfe und gewiss auch der Wunsch nach Rache für 9/11 spielten bei den Kriegen in Nahost mindestens genauso eine Rolle.

„Klüger“, wenn man das nüchtern und rein funktional denkt, handelte hier Russland in Syrien. Statt von außen etwas aufzustülpen, hat man einfach die bestehenden Herrschaftsstrukturen gestützt – mit brutalster Gewalt bis hin zum Einsatz von Giftgas. Ich will das nicht gut reden, im Gegenteil: Was Russland in Syrien getan hat, darüber wird die Geschichte noch richten. Putin ist ein Verbrecher, Assad ein Schlächter und Menschenfeind. Aber – und das ist, was ich mit „rein funktional“ meine: Am Ende bleibt ein leidlich stabiles System und bleibt eine Rückzugsoption, ohne das Land dabei in Chaos zu stürzen. Westliche Interventionen indes haben dysfunktionale Systeme aufgebaut, die innerhalb weniger Tage zusammenbrechen können, wie das Beispiel Afghanistan zeigt. Die Zeit der Interventionen geht vorbei – und Deutschland muss nicht am Hindukusch verteidigt werden.

AFGHANISTAN IM EWIGEN BÜRGERKRIEG

Das bedeutet aber nicht, dass wir uns in Afghanistan jetzt aus der Verantwortung stehen dürfen. Im Gegenteil: Wir müssen die Helfer und ihre Familien daraus holen und zumindest die diplomatischen Hebel nutzen, die uns verbleiben, um mäßigend auf die Taliban – oder wer auch immer dort demnächst herrscht, einzuwirken.

In dem Satz „wer auch immer“ steckt übrigens die ganze Tragik. Es bleibt durchaus abzuwarten, ob die Taliban ihr klerikalfaschistisches Emirat errichten können oder ob sie, wie jeder andere Besatzer des Landes auch, am Ende in dem ewigen Bürgerkrieg Afghanistans zerrieben werden. Man fühlt sich fast an Game Of Thrones erinnert, wenn das alles nicht so unendlich traurig wäre. Wo und wann hier die westliche Verantwortung endet, wird noch eine schmerzhafte Debatte werden.

Die Zukunft der Bundeswehr

Für die Bundeswehr stellt sich in Zukunft zudem die Frage, wie die Armee eigentlich aufgestellt sein soll. Die Ideen von Peter Struck und Konsorten, dass es schlagkräftiger Kommandoeinheiten bedarf, um deutsche Interessen rund um die Welt zu verteidigen, dürfte nach dem afghanischen Realitätsschock vom Tisch sein. Kommandotruppen, wenn überhaupt, bedarf es höchstens in kleiner Zahl, um z.B. Rettungsaktionen wie die am Kabuler Flughafen durchzuführen. Betrachtet man zudem den Umstand, dass die KSK praktisch von Neonazis durchseucht sind, sollte man jetzt ernsthaft über die Auflösung dieser Verbände nachdenken. Wir brauchen sie nicht – im Gegenteil, sie sind gefährliche Männersekten in Flecktarn, für die es keine Verwendung mehr gibt.

Die Bundeswehr von morgen hat außerhalb von Bündnisgrenzen nichts zu suchen. Sie muss defensiv sein, hier aber modern und schlagkräftig, Stichwort Cyberabwehr. Wenn neben all dem Elend, das verständlicherweise gerade die Schlagzeilen prägt, etwas von diesen „endlosen Kriegen“ wie den in Afghanistan bleibt, dann das, dass wir in einer gänzlich unsicheren Welt leben, unser Einfluss begrenzt ist und wir Dinge wie „Krieg“, „Frieden“ oder auch „Bedrohungslagen“ neu denken müssen. Mal wieder.

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Thomas

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