Wir brauchen Quoten!

W

Wir brauchen Quoten! Von meinem eher libertären Standpunkt aus mag das komisch klingen, aber ohne Quoten kommen wir bei der Gleichstellung und in identitätspolitischen Fragen nicht voran.

Ich habe mich immer etwas schwer damit getan, Quoten wirklich einzufordern. Das Argument, dass sich dadurch nicht die Besten durchsetzen, sondern eben Quotenmenschen, fand ich immer ein Stück weit relevant. Vielleicht habe ich als weißer Mann auch einen gewissen Egoismus in mir, mich nicht zu sehr für etwas einzusetzen, das mir letztlich die Wege versperren könnte.

Chancengleichheit ist eine bürgerlich-liberale Worthülse

Mein Sinneswandel aber kam dann heute Nacht. Ich konnte nicht schlafen und hab mir eine aktuelle Folge des SWR2-Forums angemacht. Und was soll ich sagen: Die Argumentation von Professor Doktor Andreas Rödder, einem Historiker der Universität Mainz, hat mich restlos überzeugt! Im Ernst: Das war ironisch gemeint. Der Mann hat nämlich aus dezidiert bürgerlich-liberaler Sicht scharf gegen Quoten argumentiert. Man müsse sich für Chancengleichheit einsetzen, das sei gesellschaftlich viel sinnvoller, als Firmen, Behörden und Institutionen zu irgendeinem komischen Proporzsystem (kurzer Gruß zwischendurch an die CDU/CSU) zu zwingen.

Mir fielen da gleich zwei Erkenntnisse wie Schuppen von den Augen. Die eine ist furchtbar banal, aber gebe mir jetzt dennoch die Blöße: Es geht am Ende immer um Interessen und um Macht. Ich möchte Herrn Rödder jetzt nicht persönlich egoistische Motive unterstellen, dafür kenne ich ihn nicht. Aber wer gegen oder auch für Quoten argumentiert, macht dies sicher auch immer aus einer ganz persönlichen Motivlage heraus.

Die andere Erkenntnis aber ist weniger banal: Chancengleichheit ist eine komplett naive Utopie. Mir hat nie jemand wirklich erklären können, wie wir denn Chancengleichheit bitte schön herstellen können? Auch Professor Doktor Rödder hat im SWR2-Forum da wenig Substanzielles zu gesagt. Die Forderung nach Chancengleichheit ist eine leere Phrase, eine ideologische Hülle. Zumindest, wenn sie aus bürgerlich-liberalen Kreisen kommt.

Bildungs- und Reichtumsverteilung

Klar: Da kommen dann Argumente, die auf das Bildungssystem abzielen. Aber was genau passiert denn in unserem Bildungssystem, um Chancengleichheit zu verbessern? Gerade Deutschland ist ja eines der Länder, das am wenigsten soziale Aufstiege ermöglicht. Das 3-gliedrige Schulsystem, vor allem aber die extrem frühe Selektion – oft basierend auf den schulischen Leistungen von 9-jährigen (!), das verschärft Ungleichheit. Und dass unser föderales Bildungssystem unreformierbar ist, sehen wir in der Corona-Krise sehr deutlich.

Von linker Seite kommt zudem oft der Hinweis, dass Chancengleichheit auch mit der Reichtumsverteilung im Land zu tun hat. Salopp gesagt: Kinder reicher und bildungsnaher Eltern haben es viel leichter. Kein Bildungssystem der Welt ist in der Lage, die Startvorteile einer „guten“ Familie vollständig auszugleichen. Die politischen Forderungen, die Linke daraus ableiten, sind die nach Vermögens- und Erbschaftssteuern. Also Steuern, die von oben nach unten zurückverteilen.

Das kann man ja mal mit der FDP diskutieren, die im bürgerlich-liberalen Selbstverständnis sehr für Chancengleichheit eintritt. Viel Spaß.

Wer es also ernst meint mit der Chancengleichheit, der muss praktisch jede Generation am Ende ihres Lebens enteignen und die Kinder möglichst früh und möglichst betreuungsintensiv aus den Familien rausholen. Mal vom moralischen Irrsinn dieser Forderung abgesehen: Da sind wir dann nicht mehr weit entfernt von Bildungs- und Verteilungssystemen, wie sie in der DDR existierten.

Am Ende geht es um die eigenen Interessen

Ich halte daher gerade das bürgerlich-liberale Geschwafel nach Chancengleichheit für einen Strohmann, über den wir nun schon seit Jahrzehnten streiten. In der gleichen Zeit sind Jacqueline und Mehmet erwachsen geworden und arbeiten jetzt im Sicherheitsdienst oder bei Lidl an der Kasse (beides absolut anständige Berufe, bitte nicht missverstehen). In der gleichen Zeit haben Max und Sophie längst ihren Bachelor in der Tasche und bereiten sich auf ihre akademische oder berufliche Karrieren vor. Daddy kennt da auch jemanden bei Siemens … und Sophie wird dann etwas kürzertreten, wenn das erste eigene Kind kommt. Es bietet sich halt an, weil Max besser verdient.

Das Gerede von Chancengleichheit ist ein Abwehrkampf, um den eigenen Kindern den Startvorteil zu sichern und ein gewisses patriarchales, rassistisches Grundrauschen in unserer Gesellschaft zu bewahren. Nicht als Verschwörung gedacht, wohl aber als systemische, sich selbst reproduzierende Struktur, an deren Aufbrechen das bürgerlich-liberale Lager kein aktives Interesse hat. Wie gesagt: Es geht am Ende um Macht und Einfluss. Das gibt niemand freiwillig auf.

Quoten als “Brückentechnologie”

Quoten hingegen wirken. Und wo sie eingeführt wurden, ist auch nicht die Wirtschaft zusammengebrochen. Im Gegenteil: Das Peter-Prinzip wird erschwert, dass kommt vielen Firmen sogar am Ende und nach schweren Widerständen zugute.

Übrigens, um meinen libertären Standpunkt hier klar abzugrenzen: Für mich sind Quoten eine Art „Brückentechnologie“. Wichtig ist, dass Quoten nicht einmal ins Gesetz geschrieben und dann über Jahrzehnte sakrosankt sind. Quoten müssen demokratisch ausgefochten und beschlossen werden, immer wieder und immer wieder. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass man hierfür das Instrument der Citizens’ Assembly nach irischem Vorbild nutzen könnte – aber das nur am Rande.

Mein Punkt ist: Wenn Quoten nicht mehr gesellschaftliche Verhältnisse abbilden, werden sie illiberal. Da stimme ich durchaus der Argumentation von Herrn Rödder überein. Denn auch Quoten sind Machtinstrumente und können als solche missbraucht werden. Der absurd hohe Anteil an Kirchenvertretern in unseren Rundfunkräten ist da ein gutes Beispiel aus der Wirklichkeit: Diese Gremien bilden noch immer in guten Stücken die westdeutsche Gesellschaft der Adenauer-Ära ab. Heutzutage muss niemand mehr Protestanten vor Katholiken in Schutz nehmen – und umgekehrt. Zumal den meisten das eh egal ist, weil wir in einer mehrheitlich säkularen Gesellschaft leben.

Entsprechend müssen Quoten als Instrument genutzt werden, um verkrustete Machtstrukturen aufzubrechen. Übergangsweise – mit dem Ziel, dass sie in einer Generation schon so aus der Zeit gefallen wirken, wie die Pfaffen in den Rundfunkräten. Und das, so finde ich, ist doch ein wirklich liberaler Ansatz. Allemal besser jedenfalls, als Eltern in die Erziehung ihrer Kinder reinzureden, um irgendeine utopische Vorstellung von Chancengleichheit zu erzwingen.

Und übrigens, nur damit das hier nicht falsch rüberkommt: Nur weil Chancengleichheit utopisch ist, heißt das nicht, dass wir nicht trotzdem versuchen sollten, Chancenungleichheit zu verringern. Aber das ist ein anderes Thema.

(Credits Teaser-Bild: allroundart/ safarbi via fotolia.com)

Über den Autor

Thomas

Schreib einen Kommentar

Darum geht’s: