Das grimmige Sterben des Springer-Verlags

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Wer Springer gerne enteignen möchte, sollte sich beeilen: Mit etwas Glück regelt das vielleicht bald schon der Markt. Die Auflagen sinken und sinken – die Strategie der Radikalisierung ist krachend gescheitert. Eine gute Nachricht!

Auflagezahlen im freien Fall

Vor einigen Wochen machte eine kleine Infografik auf Twitter die Runde, auf der die Auflagenzahlen großer, deutscher Tageszeitungen verglichen wurde. Bild und Welt stürzten ab, während sich Zeitungen wie z.B. die Taz oder das Handelsblatt stabilisieren konnten. Fairerweise der Hinweis: Es handelte sich um Print-Zahlen. Der Bedeutungsverlust aber ist nicht von der Hand zu weisen. Während der Ära Julian Reichelt hat die Bild rund ein Viertel an Auflage verloren, auch wenn Reichelt die Zahlen „märchenhaft“ schönredet. (Quelle: Bildblog).

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Noch dramatischer schaut die Lage bei der Welt aus. Hier führt Ulf Poschardt seit bald fünf Jahren die Redaktion. Die Welt hat in dieser Zeit einen Auflagenverlust von fast zwei Drittel (!) hingelegt. Also von ca. 180.000 Zeitungen pro Quartal auf zuletzt nur noch 70.000 (Q4, 2020 – Quelle Statista, verlinkter Tweet vergleicht nur die Werktagsausgabe der Welt). Das ist selbst für die insgesamt strauchelnde Zeitungsbranche ein phänomenal schlechter Wert. Die Welt hat sich unter Poschardt fast auf die Größe einer Studentenzeitung verzwergt – weit über den branchenüblichen Abwärtstrend hinaus.

Bei der Welt fehlt auch die Luft nach unten. Brechen (oder sterben) noch mehr Leser weg, hört diese Zeitung auf zu existieren bzw. wechselt als Zombie-Marke vielleicht noch ein, zweimal den Besitzer. Bei der Bild-Zeitung indes wird der Todeskampf noch einige Jahre weitergehen und es ist selbst für ein Springer-Organ unwürdig zu sehen, wie sich Reichelts Hetzblatt dabei windet und röchelt.

Das Experiment der Radikalisierung ist gescheitert

Meine These: Bild und Welt haben eine ähnliche Strategie probiert, wie Fox News in den USA. Statt im bürgerlich-konservativen Lager zu bleiben, hat man sich für einen scharfen Rechtskurs entschieden. Das Kalkül: Es brechen zwar Leser am Anfang weg, denen der neue Ton nicht gefällt, diese Leser holt man sich aber am rechten Rand wieder. Es geht um Zuspitzung und Selbstradikalisierung, um am Ende klarer profiliert und mit einer festen, rechten Stammleserschaft neu aufgestellt zu sein.

Der Ton, mit dem Reichelt und Poschardt oder Autoren wie Franz Josef Wagner und Rainer Meyer (alias Don Alphonso) auftreten, unterstützt diese These. Das ist bisweilen so plump, provokant und dümmlich, dass es nur aus der Perspektive einer populistischen Radikalisierung überhaupt in Ansätzen „rational“ erscheint. Speziell Poschardt wirkt auf Twitter wie ein hyperaktiver Grundschüler, der solange den Mädchen in seiner Klasse an den Haaren zieht, bis die mal zurückhauen. Und dann verkriecht er sich hinter dem Rock seiner Klassenlehrerin und zeigt weinend auf seine bösen Mitschülerinnen – aber ich schweife ab.

Kein Markt für ein deutsches Fox News

Jedenfalls scheint diese Strategie der Radikalisierung nicht so richtig zu greifen. Die Welt ist sehr bald schon Geschichte, wenn der Kurs beibehalten wird. Und ob die Bild-Zeitung eine Art Fox News werden kann, wage ich auch einmal zu bezweifeln. Der amerikanische Medienmarkt ist viel stärker segmentiert und privatisiert – einseitige, radikalisierende Berichterstattung fällt dort leichter als im deutschsprachigen Raum. Der Bildungsstand ist ein anderer, der geschichtliche Hintergrund ein anderer – nicht zuletzt ist auch die Gesellschaft hierzulande auch noch lange nicht so tief und radikal gespalten, wie die US-amerikanische.

Mich stimmt das hoffnungsfroh. Ich gehe davon aus, dass sich zumindest Poschardt bald nach einem neuen Job umsehen dürfte. Vielleicht ja auf einem Hausboot auf der Spree? Und auch Reichelts Stuhl dürfte wackeln, wenn die Auflage weiter kontinuierlich sinkt.

Einen Tod wird Springer sterben müssen

Es ist eine Sackgasse, in die sich der Springer-Konzern da manövriert hat. Verrennt er sich weiter darin, riskiert man, sich auf die Größe der Jungen Freiheit zu verzwergen und Anzeigenkunden dürften zunehmend auf Abstand gehen. Reißt man die Ruder indes rum, wirkt das auf just die Leser unglaubwürdig, um die man sich verzweifelt seit einigen Jahren bemüht. Dann waren die letzten zehn Jahre vor allem ein Schlingerkurs, der praktisch alle mehr oder minder treuen Leser der Bild vor den Kopf gestoßen hat. Gut so!

Eine Zwickmühle. Hoffen wir, dass der Springer-Konzern irgendwann daran zerbricht.

Über den Autor

Thomas

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