Die 120-Kilo-Clickbait-Maschine

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Twitter, Facebook und seit einigen Tagen auch YouTube – Donald Trump wurde überall gesperrt. Ist das längst überfällig gewesen – oder schon ein Akt der Zensur? Bei aller Antipathie gegenüber Trump: Richtig war das nicht.

Die sogenannten sozialen Medien haben viel Macht – ihre Algorithmen bestimmen über Deutungshoheiten und Debattenverläufe. Demokratietheoretisch ist ihre Macht bedenklich. Und gerade der Rauswurf Trumps hebt dieses Problem ganz nach oben auf die Bühne. Denn zurecht stellt man sich die Frage: Warum eigentlich erst jetzt, ihr Helden?

Ohne Trump wäre Twitter tot

Die Antwort ist banal: Weil Trump schlecht fürs Geschäft geworden ist. Solange er noch fest im Sattel saß, hat er für Reichweite, Verweildauer und Interaktionsraten gesorgt – kurz: Für all das, mit dem Facebook und Co. ihre Anzeigen verkaufen können. Trump war in seinen besten Jahren eine fleischgewordene und blondierte, 120-Kilo-Clickbait-Maschine. Man kann sich zurecht fragen, ob Twitter nicht längst den Weg von StudiVZ, MySpace oder Pinterest gegangen wäre, hätte Donald den Laden nicht im Alleingang am Laufen gehalten.

Jetzt, wo Trump zunehmend isoliert dasteht, hat sich der Wind gedreht. Einerseits ist der Trumpismus als narzisstische One-Man-Show entzaubert und viele Medienschaffende, Politiker und sonstige Schaulustige können es sich leisten, den Irren zu ignorieren. Die Nachfrage sinkt. Anderseits schwindet Trumps Macht in Zeitraffer und der politische wie gesellschaftliche Druck auf Twitter & Co. erhöht sich.

Trump rauszuwerfen ist eine wirtschaftliche Entscheidung, sich für diesen mittlerweile kostenlosen Mut auch noch feiern zu lassen, hat etwas sehr Bigottes.

Überraschung: Soziale Medien handeln rein wirtschaftlich

Was uns Trump gelehrt hat ist, dass die sogenannten sozialen Medien keinen Kompass haben. Sie sind gewinnorientiert – und das ist ja auch kein Verbrechen. Mit dem gleichen Kalkül, mit dem sie jetzt Trump rauswerfen, hätten sie bei einem republikanischen Erdrutschsieg weiter mit ihrem Rechtsruck gemacht. Wer weiß: Am Ende würden wir uns jetzt darüber unterhalten, ob es Zensur ist, dass Twitter den Account von Ocasio-Cortez sperrt.

Hier fehlt demokratische Kontrolle der Algorithmen. Ein Korrektiv, das Meinungsfreiheit gewährleistet, statt sie dem vulgärlibertären Hirngespinsten eines Mark Zuckerbergs zu überlassen. Die Innovationskraft dieser Firmen trägt längst enge Scheuklappen, alle Energie dient nur noch der Optimierung von Werbung.

Statt eines kreativen Geflechts gleichberechtigter Sender und Empfänger haben uns die Algorithmen wieder auf einen Punkt zurückgeworfen, wo einige wenige Reichweite haben. Fast wie im Privatfernsehen der frühen 90er-Jahre wird immer mehr Bullshit über die Menschen ausgekippt – nur das der Zuschauer jetzt passgenau rückmelden kann, welcher Bullshit es denn bitte sein soll. Soll es das wirklich gewesen sein? Wo ist der Geist des Internets der frühen 90er-Jahre – um zeitlich im Bild zu bleiben? Wo ist der Aufbruch, die Anarchie, die Neugierde auf eine kommende Wissensgesellschaft, in der Unterschiede nivelliert und Chancen neu verteilt werden? Ist das wirklich alles vorbei?

Wir brauchen eine Disruption gegen die großen Disruptoren.

Für Ein öffentlich-rechtliches Twitter

Das Problem der sozialen Medien ist, dass sie eigentlich ein anderes Geschäftsmodell benötigen. Sie müssten in ein öffentlich-rechtliches Modell überführt werden. Unabhängige Finanzierung, Nutzer- und Diskurszentriertheit, Vielfalt – und natürlich auch Unterhaltung und Zerstreuung für all jene, die es wollen. Und ganz wichtig: Die Kernfunktion, die Vernetzung von Menschen und Familien, muss wieder im Zentrum stehen.

Trump mit großer Geste vor die Tür zu setzen, ist ein Teil des Problems. Und das wir uns darüber freuen zeigt, wie normal uns das Gebaren dieser durchgeknallten Firmen schon vorkommt.

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Thomas

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