Eine kurze Geschichte des programmierten Scheiterns

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Ich muss so um die Zehn gewesen sein, als ich zum ersten Mal einen Computer programmiert habe. Damals am C64 meines Bruders, den ich geerbt hatte. Und mit nichts mehr als ein paar abgegriffener Spielemagazine als Unterstützung.

Besagte Spielemagazine enthielten seitenlang abgedruckten, oftmals winzigen Basic-Code. Vollbrachte man das Kunststück, diesen fehlerfrei einzugeben, wurde man mit spannenden Anwendungen wie einem Programm zum Druck von Etiketten für Einweckgläser belohnt. Beliebt waren auch kleine Spiele zum abprogrammieren, vor allem Würfel- und Kartenspielsimulationen, ich erinnere mich aber auch an einen Asteroids-Clone, an dem ich mich erfolglos versuchte.

Von der Ehrlichkeit …

Die wenigsten dieser Programme funktionierten am Ende. Irgendwo hatte ich immer Tippfehler und nur selten konnte ich alle mit bloßem Auge finden. Im Unterschied zu heutigen Editoren und Compilern hatte die Kommandozeile meines C64 mir jedenfalls nie verraten, wo sich das fehlende Semikolon in den 20.000 Zeichen verstecken könnte – und ob ich nicht vielleicht auch einfach einen GoTo-Befehl mit einer falschen Zeilennummer versehen habe. Als Rückmeldung bekam ich immer nur ein „Läuft nicht, Ätsch!“ – und dann fing die oft stundenlange Suche an. Auf einem flackernden Röhrenfernseher, gebaut noch in den 70ern.

Natürlich war ich jedes Mal enttäuscht, wenn ein Programm nicht starten wollte, obwohl ich trotz akribischer Suche nicht jeden Bug ausmerzen konnte. Und selbst wenn: Die Zeitschriften enthielten häufig Druckfehler. Für erfahrene Techis war das kein Problem, die sahen und korrigierten das „on the fly“ – als 10-jähriger Dreikäsehoch enthielt jedoch das einzige Hilfsmittel, an das ich mich beim Lernen klammern konnte, selbst Fehler. Das sind Erfahrungen, die mich durchaus bis heute beeinflussen. Traue niemanden, wahr ist nur der Bug!

… und der Magie des Quellcodes

Quellcode, das war für mich etwas Magisches. Brächte man all diese Buchstaben und Zahlen nur in eine korrekte Reihenfolge, konnte man den Computer in alles verwandeln, was man wollte: Ein Werkzeug, um Vokabeln zu lernen, ein Schreibprogramm und – ganz wichtig – einen Spielkameraden. Davon hatte ich nicht viele. Ja, ich war schon damals ein Sonderling.

Und tatsächlich baute ich mir nach und nach all diese Dinge selbst: Eine Software, um chemische Elemente zu pauken beispielsweise – mit dem Ergebnis, dass ich die meisten Elemente bereits auswendig kannte, ehe das Programm fertig war. Unvergesslich auch mein Space-Kaiser-Clon „Nexia“, bei dem ein fremder Wüstenplanet besiedelt werden wollte. Ich bedauere bis heute, dass dieses Spiel für immer verloren gegangen ist. Das sind Kindheitserinnerungen, die unwiderruflich verschwunden sind.

Aber die Erfahrung das Ideen, die bisher nur in meinem Kopf existierten, durch das pure Arrangement von Schleifen, Bedingungen und Operatoren zu funktionierenden Programmen werden, mit denen sich sogar Geschichten erzählen lassen, prägt mich bis heute. Das Runterrattern von Quellcode ist unspektakulär, spektakulär ist, was am Ende dabei herauskommt.

“Die Maschine ist kein denkendes Wesen, sondern lediglich ein Automat, der nach Gesetzen handelt, die ihm auferlegt wurden.”

Ada Lovelace

Mathematikerin und erste Programmiererin, gestorben 1852

Man scheitert an Menschen, nicht an Computern

Ein Programmierer ist trotzdem nie aus mir geworden. Das hat viel mit den „Gatekeepern“ der IT zu tun. Ich erinnere mich beispielsweise an meinen Lehrer in der Computer-AG, das muss so in der 7. Klasse gewesen sein. In der ersten Stunde wollte er uns zeigen, wie man den Rechner einschaltet, ein Programm lädt und wie man eine „Hallo Welt!“-Ausgabe programmiert. Ich kannte das alles, also bastelte ich im Stillen ein kleines Black-Jack-Spiel, weswegen ich furchtbar Ärger bekam.

Ich erzähle dieses Beispiel nicht, um mich irgendwie als Wunderkind darzustellen. Im Ernst: Wenn man damals etwas Basic konnte, war ein Zufallsgenerator, bei dem man mit mehreren Zügen möglichst nah an den Wert 21 kommen sollte, doch sehr einfach. Das ist auch heute nicht anders, nur braucht man heute einen mittleren MIT-Abschluss, um sich die Programmierumgebung dafür einzurichten. Nein, ich erzähle das, weil es leider prototypisch für meine Erfahrungen mit IT-lern ist: Irgendwie störe ich, weil ich nie bei der Sache bin oder gedanklich irgendwie völlig andere Lösungsweg plane.

Einer der Gründe, warum ich meine Ausbildung zum Fachinformatiker leider Gottes abbrach war, dass ich einfach keinen Draht zu den anderen Azubis und zu den Lehrern bzw. Trainern fand. Ich meine das jetzt ausdrücklich nicht menschlich: In einer Gruppe voller selbsternannter Nerds war ich kein Sonderling mehr, ich hatte durchaus meinen Platz. Ich war vielleicht nicht beliebt, aber eben auch nicht schräger als die anderen. Ich war einfach.

Wie wir Das Programmieren Lernen, prägt unseren Blick auf Daten

Nein: Ich meine das eher fachlich: Ich hatte mir einen so merkwürdigen Dialekt des Programmierens beigebracht, eine so merkwürdige Methodik, Lösungswege zu finden und umzusetzen, dass mir die Zusammenarbeit sehr schwerfiel. Und das ist leider bis heute der Fall. Ich arbeite tatsächlich viel mit Programmierung – einfach, weil ich Daten viel besser und effizienter analysieren kann, wenn ich sie durch Skripte jage als mich z.B. mit sperrigen Excel-Tabellen aufzuhalten.

Die Zusammenarbeit mit „echten“ IT-lern aber, die gelingt mir einfach nicht. Egal, wie viele Dokumentationen ich schreibe, wie oft ich innerlich schreiend dastehe und die Kollegen schütteln und anschreien möchte, weil all die Daten doch schon vor uns liegen! Dass alles längst da ist, was angeblich fehlt – und dass es doch nur ein paar Ifs und Elses benötigt, um diese Dinge klug zu verknüpfen. Aber dann werde ich angeschaut wie ein Auto. Das ist wie mit dem Black-Jack-Spiel: Etwas einfach zu machen triggert Ablehnung.

„At the end of the twentieth century, the long predicted convergence of the media, computing and telecommunications into hypermedia is finally happening. Once again, capitalism’s relentless drive to diversify and intensify the creative powers of human labour is on the verge of qualitatively transforming the way in which we work, play and live together.“

Andy Cameron, Richard Barbrook

1995, Die Kalifornische Ideologie

Farewell, C64

Am Ende steckt in mir halt immer noch der 10-Jährige, der vor seinem C64 sitzt und prozedural einen Gedanken herunterprogrammiert. Von Zeile 10 angefangen, bis Zeile 99990. Und außer einer abgegriffenen Computerzeitschrift gibt es da niemanden, der so wirklich versteht oder verstehen möchte, was ich da tue. Das macht mich manchmal traurig, manchmal wütend. Und ich frage mich dann jedes Mal, wieviel anders wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn ich damals als Kind nicht programmiert hätte, sondern einfach den Mädchen den Haarreif geklaut und mich mit anderen Jungs auf dem Raucherberg geprügelt hätte, so wie es sich gehörte?


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Passend zu diesem Blogbeitrag noch etwas Musik von „Two Steps From Hell“. Die machen eigentlich so episch-schmalzige Musik, die ich gerne nebenher beim Daddeln höre. „Summer of 84“ indes ist stilistisch eine kleine Variation, da Two Steps From Hell über ihre eigene Musik quasi einen 80ies-Retro-Filter legen. Ich feiere das sehr – und es passt schön, da der C64er – der Brotkasten – ja irgendwie auch zu den 80ern gehört.

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Thomas

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