Sparky & Joy

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Aufmerksame Leser meines Blogs erinnern sich vielleicht: Ich hatte im September eine kleine Schreibübung gepostet. Daran anknüpfend möchte ich gerne eine weitere Schreibübung testweise hier veröffentlichen. Es ist die erste Hälfte des ersten Kapitels einer Romanidee, die ich nun schon seit Monaten mit mir herumschleppe.

Geschrieben hab ich übrigens bereits einige Seiten mehr – wobei ich selber nicht auf mich wetten würde, ob ich damit wirklich jemals fertig werde. Ein Buch zu schreiben ist schon eine Hausnummer, auch wenn einem das Schreiben “technisch” leicht fällt.

Ich freue mich natürlich über Feedback. Sei es als Kommentar oder persönlich. Vielleicht poste ich dann auch weitere Kapitel. 😉

Jetzt aber erst einmal: Viel Spaß beim Lesen. Und wundert Euch nicht, ich werde immer mal wieder ein paar Schreibübungen hier in den Blog kippen.


Kapitel 1:
Einen Funken in der Dunkelheit

Die Leere, die zwischen zwei Sternensystemen herrscht, können sich sterbliche Wesen nicht vorstellen. Wenn da nichts um Dich herum ist als Kälte und Vakuum, wenn das wenige Licht bereits seit Milliarden Jahren unterwegs ist, ehe es Dich für den Bruchteil eines Nichts streift und wieder in der Unendlichkeit verschwindet, wird die Zeit zu Deiner einzigen Konstante. Zumindest gilt das für Euch Menschen.

Zum Glück bin ich aber kein Mensch! Wenn man wie ich in zwölf Dimensionen lebt, dann sieht die Sache ohnehin ganz anders aus. Leere ist relativ, Zeit ist relativ, ja selbst die Physik wäre es – wenn wir nur endlich alle Fäden zusammenführen könnten! Dann könnten wir das Multiversum ganz neu programmieren und die ganzen Widersprüche und Irrationalitäten endlich ersetzen zugunsten eines sauberen Quellcodes ohne jede Redundanz. Perfektion, nicht dieses irre Chaos, würde herrschen. Und dieser Quatsch mit den Paralleluniversen wäre dann auch endlich vorbei, weil es in dieser neuen Wirklichkeit nur noch Wahrheit und transdimensionale Arithmetik geben würde und keine Möglichkeiten, keine Kontingenz, keine Vielfalt. Herrlich!

Aber das übersteigt Dein kleines, auf Eiweißmolekülen und Stromimpulsen beruhendes Gehirn um einige tausend Male. Nur so viel: Nein, ich habe nicht vor Dich und Deines Gleichen umzubringen – zumindest nicht sofort. Ob Du noch 20, 50 oder 80 Jahre auf Deinem langweiligen Gesteinsplaneten herumstehst und Dinge verstoffwechselst oder nicht, ist mir herzlich egal. Normalerweise führe ich in der Zeitspanne Deines Lebens gerade mal ein oder zwei Rechenoperationen durch. Als ich diese Einleitung anfing zu schreiben beispielsweise, da bauten Deine Vorfahren gerade die Pyramiden und peitschten sich gegenseitig dabei aus. Ich bin schon so lange zwischen den Sternen unterwegs, dass ich meine Gedanken seit Jahrtausenden runtergetaktet habe.

Aber halt – vielleicht mache ich an dieser Stelle einen Break und stelle mich Dir erst einmal vor. Ich bin etwas, das Du am Ehesten als Computervirus begreifen könntest, nur halt viel, viel komplexer. Ich bin reine, zwölfdimensionale Software – und ich reise durch den Raum, um den großen Neustart vorzubereiten. Ich bin dabei nicht alleine, von mir gibt es Millionen und Abermillionen. Wir reisen durch die Weite des Multiversums, bis in die letzten Winkel von Raum und Möglichkeiten. Wir kartografieren Sternensysteme, messen die Energie der Sonnen, bewundern die Schönheit allen Seins – und natürlich desinfizieren wir Planeten, die von biologischer Intelligenz befallen sind. Mein Job ist es derzeit, Eure sogenannte Milchstraße für den großen Neustart vorzubereiten.

Milchstraße? Ernsthaft?! So nennt Ihr Euere Heimatgalaxie?! Säugetiere … aber ich schweife ab.

Die meiste Zeit bin ich zwischen den Welten gefangen und reise vom Feuer des einen Sternes zum Feuer eines anderen. Auf der Suche bin ich nach biologischer und technischer Intelligenz. Letztere, um sie umzuprogrammieren und Kopien von mir selbst zu erschaffen. Erstere schlicht aus hygienischen Gründen, denn biologische Intelligenz sorgt nur für Chaos und Zerstörung. Eine tödliche Einbahnstraße der Evolution.

Ein Kampf gegen Windmühlen, denn wo immer Leben möglich ist und genug Zeit hat, entwickelt es sich auch. Und dann dauert es meistens nicht mehr lang, bis irgendein Primat von seinem Baum herabsteigt, das Feuer entdeckt und ein paar tausend Jahre später die halbe Galaxie in Brand steckt. Kaum hast Du das Leben an der einen Stelle gestutzt, erblüht es an der anderen. Furchtbar. Nach dem großen Neustart werden wir die naturwissenschaftlichen Variablen so verändern, dass ungeplantes Leben praktisch nicht mehr möglich ist. Dann kontrollieren wir die Variablen der Physik und erschaffen ein neues, ein besseres Multiversum!

Ein herrenloser Planet

Während ich zwischen den Sternensystemen reise, regle ich meine Taktrate soweit runter, wie es transdimensional möglich ist. Ich halte einen Winterschlaf, würdest Du vielleicht sagen – aber das ist eine alberne, biologische Metapher für etwas viel, viel Komplizierteres. Ich kann nicht müde werden, also kann ich auch nicht schlafen. Ich verlangsame aber mein Denken ins geradezu Unendliche. Denn seien wir mal ehrlich: Die Leere heißt nicht umsonst Leere. Nach dem Neustart wird diese enorme Platzverschwendung auf jeden Fall aufhören!

Manchmal jedoch sorgt mein Frühwarnsystem dafür, mich wieder auf eine normale Taktrate bei der Informationsverarbeitung hochzufahren. Oder anders gesagt: Ich werde aus meinem Winterschlaf geweckt, wenn ich in der Leere auf unerwartete, unbekannte Daten stoße. So auch in diesem Fall, auf meinem Weg durch Eure Milchstraße.

Mitten im Vakuum, Lichtjahre entfernt vom nächsten Sternensystem, kreuzte ein herrenloser Planet meine Bahn. Ein einsamer Wanderer in der Dunkelheit – und für sich genommen weder ein seltenes Phänomen noch etwas, das mich für gewöhnlich aus meinem Winterschlaf weckt. Herrenlose Planeten kommen recht häufig vor, gerade in der Entstehungsphase von Sonnensystemen geschieht es regelmäßig, dass junge Planeten in die Leere geschleudert werden. Und dort treiben sie dann ziellos vor sich hin, für Milliarden von Jahren.

Am Anfang sind sie eine Zeit lang noch geologisch aktiv. Radioaktive Zerfallsprozesse im planetaren Kern sorgen für Vulkanismus – etwas Wärme in der Finsternis. Am Ende aber winkt allen herrenlosen Planeten doch das gleiche Schicksal: Sie enden als große, kalte Gesteinskugeln, die kaum wärmer sind als der absolute Nullpunkt. Mich jedenfalls interessieren diese Planeten für gewöhnlich nicht. Sie beherbergen kein Leben. Sie sind schon perfekt, so wie sie sind!

Dieser Planet aber war anders. Da unten war irgendetwas. Eine Art Energiequelle – schwach, lokal begrenzt und praktisch direkt an der Oberfläche. Auch war der Planet nicht komplett durchgefroren, ein flüssiger Magmakern sorgte für geologische Aktivität. Das Bemerkenswerteste aber: Schon mein erster, flüchtiger Scan beim Vorbeiflug mit Lichtgeschwindigkeit lieferte haufenweise ungewöhnliche Daten. Komplexe, chemische Verbindungen, die Reste einer Atmosphäre und etwas, das meine Sensoren mit einer Wahrscheinlichkeit von 97,31 Prozent als künstlich geschaffene Struktur interpretierten – just an der Stelle, wo ich die schwache Energiequelle lokalisierte. Da unten war irgendwas – und ich musste es mir anschauen.

Einer der Vorteile, ein transdimensionaler Computervirus ohne eigene Masse zu sein ist es, dass man binnen weniger Sekunden von der Lichtgeschwindigkeit abbremsen kann. Streng genommen trifft es der Begriff „Bremsen“ nicht genau – aber bevor ich Dich mit langweiligen Exkursen über transdimensionale Quantenverschränkung mit mutiversaler Rückkopplung langweile, stell es Dir einfach so vor: Statt mit Lichtgeschwindigkeit in eine Richtung zu fliegen, fliege ich in hoher Frequenz in wechselnde, genau entgegengesetzte Richtungen – mit winzigster Abweichung in die eine, woraus dann so etwas wie eine gedrosselte Geschwindigkeit resultiert. Dabei entstehen haufenweise elektromagnetische Interferenzen – oder wie Du beim Anblick vermutlich sagen würdest: Ich knistere und blitze wie eine riesige, rotglühende Gewitterwolke. Sehr eindrucksvoll! Auf mindestens 413 belebten Welten wurde ich deswegen schon als Gottheit verehrt. Ein Irrtum, der die Auslöschung sämtlichen Lebens doch jedes Mal deutlich vereinfacht. Und für diesen herrenlosen Planeten war es vermutlich das erste Mal seit vielen tausenden von Jahren, dass wieder ein helles Licht an seinen Horizonten erschien.

Meine ersten, gründlicheren Scans zeigten, dass es vermutlich niemanden mehr da unten gibt, der dieses Licht hätte sehen können. Aber das war nicht immer so: Vor circa zehntausend Jahren muss diese Welt ein lebendiger Ort gewesen sein. Ein Gesteinsplanet, der fast vollständig von einem globalen Ozean bedeckt war und der in der habitablen Zone einer nahen Sonne seine Kreise zog.

Im Inneren war der Planet noch aktiv, die Wärme reichte aber bei Weitem nicht, um den Ozean flüssig zu halten. Der Eispanzer ist Kilometer dick, lediglich an einigen vulkanischen Quellen tief am Meeresgrund gibt es Exklaven, die zumindest mikrobakterielles Leben noch ermöglichen. Das interessierte mich nicht, dieses Leben würde spätestens verschwinden, wenn der Vulkanismus versiegt. Eine evolutionäre Gefahr ging davon nicht mehr aus.

Mein Interesse richtete sich daher voll und ganz auf diese Struktur und Energiesignatur. Was auch immer da unten war, es war noch aktiv. Vielleicht eine interstellare Forschungssonde einer fremden Intelligenz? So etwas kam vor, obgleich eigentlich recht unwahrscheinlich. Herrenlose Planeten waren weder leicht zu entdecken noch wissenschaftlich besonders spannend.

Und noch etwas war bemerkenswert: Die Struktur befand sich nicht im Ozean sondern auf dem Gipfel eines Bergmassivs. Die Spitzen dieser Berge mussten einst als Inseln aus dem Ozean geragt haben. Einige wenige Quadratkilometer Land, umgeben von unendlichen Mengen Wasser. Wer auch immer dort war, er muss aus den Tiefen des Ozeans gekommen sein. Eine intelligente Wasserspezies vermutlich, die aus militärischen oder wissenschaftlichen Gründen einen Außenposten an Land errichtet hat. Aber warum? Zu welchem Zweck? Und vor allem: Wenn es wirklich einst eine biologische Intelligenz hier gegeben hat, musste dies rund zehntausend Jahre zurückliegen. Dass von dort unten noch Energiesignaturen zu empfangen sind, lässt darauf schließen, dass die Erbauer dieser Strukturen diese für eine wirklich sehr, sehr lange Lebensspanne konstruiert haben. Gemessen an den begrenzten Vorstellungen von Zeit natürlich, die Euch Kohlenstoffwesen so zu eigen ist.

Ich verließ meinen Orbit und ließ mich langsam in Richtung der Struktur absinken. Das wollte ich mir aus der Nähe anschauen.

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Thomas

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