2021 – das wird ein Spaß!

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2020 – Du bist Geschichte. Ab jetzt wird alles wieder viel, viel besser! Oder nicht? Um ehrlich zu sein schaue ich pessimistisch in die Zukunft. Ich glaube nicht, dass die Dinge besser werden – ja, in mir brodelt sogar wieder ein ganz allgemeiner Kulturpessimismus, wie seit den Jugendtagen nicht mehr.

Das Lagerfeuer ist erloschen

Was mich so pessimistisch stimmt ist die Mischung aus Krise, Spaltung und der Vereinzelung. Was wird der Lockdown mit ohnehin alternden, westlichen Gesellschaften machen? Die sogenannten „Lagerfeuermomente“ fehlten bereits vor Corona, durch die Krise wird das aber noch einmal schmerzhaft spürbarer. Wohin führt dieser Leidensdruck, den da Menschen jeden Tag erleben?

Als introvertierter Mensch stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn ich plötzlich jeden Abend auf eine scheiß Party gehen müsste. Vermutlich würde ich irgendwann nach ein paar Monaten anfangen, die Minibar umzuschmeißen, die Mutter des Gastgebers zu beleidigen und überhaupt viel schlechte Laune verbreiten. Ähnlich trotzig verhalten sich aktuell viele „Querdenker“ im Lockdown und ich könnte mir vorstellen, dass das eine Art Identität schafft, die bleiben wird. Und die auf die gesellschaftliche Spaltung weiter einzahlt.

2021 sehe ich daher als das Jahr an, in dem sich beweisen muss, ob wir in der Bundesrepublik den Laden zusammengehalten bekommen. Etwas schicker formuliert: Ob wir uns gesellschaftspolitisch modernisieren – Neuseeland oder Irland sind hier Vorbilder – oder ob wir in einem Sumpf aus Klein-Klein versinken, noch ein oder zwei Jahrzehnte von der Substanz leben und dann irgendwann vollends in einer Art liberal kostümierten Plutokratie enden.

Mit Merz und Co. in den Niedergang

Wenn ich mir das Personal in Wirtschaft, Medien, Kultur und Politik so anschaue, dann sehe ich wenig, das mich hoffnungsfroh stimmt. Allein das Totalversagen aller Ministerpräsidenten – oder dass ausgerechnet halbseidene, neoliberale Betonköpfe wie der Merz oder der Lindner für Aufbruch stehen sollen. Gruselig. Wer glaubt so einen Unfug?

In der Politik scheinen nur noch Opportunisten und Ewiggestrige rumzurennen, eine Bande von Realitätsverweigerern! Vielleicht fehlt den Politikern selbst das Lagerfeuer, um sich zu erden? Während für einen Merz die 90er-Jahre praktisch nie aufgehört haben, steckt die Baerbock noch in ihrer identitätspolitischen Everything-Goes-Blase. Das hier Millionen Menschen gerade einschneidende, biografische Erfahrungen sammeln, dass hier Existenzen zerbrechen, ja das hier Menschen sterben wie die sprichwörtlichen Fliegen, darauf scheint mir jedenfalls niemand eine Antwort zu haben. Bald ist‘s ja wieder wie früher! Von wegen. Da lob ich mir einen Olaf Scholz, der einfach solange peppige Buzzwords in die Welt posaunt, bis auch der letzte Steuerbetrug still und heimlich verjährt ist. Da weiß man zumindest, woran man ist.

Aber ich schweife ab …

Ich will mir jedenfalls nicht ausmalen, wie das weitergeht. 2021 werden sechs Landtage und der Bundestag neu gewählt. Was werden wir für einen Populismus im Sommer erleben, wenn die Impfungen für die breite Bevölkerung erst einmal starten und zeitgleich Wahlkampf herrscht? Ich habe mir keine Freunde mit meiner Aussage für Impfprivilegien gemacht, aber diese Debatte muss jetzt geführt werden. Nicht erst im Sommer. Wie wir überhaupt mal anfangen müssen uns zu sortieren, wie es denn jetzt weitergeht und ob wir das alles solidarisch meistern wollen?

Wie wir leben wollen

Ich will mir auch nicht ausmalen, was passiert, wenn diese Wahlen vorbei und entschieden sind. Die Rechnung für die Krise wird kommen. Und bezahlen werden nicht die Krisengewinnler, weder die Klattens und Quandts, noch die Amazons oder Lieferandos dieser Welt. Im besten Fall wurschteln wir uns so durch, realistischer aber scheinen mir Sozialabbau gepaart mit einer Diffamierung von Erwerbslosen. Die Armut wird steigen, die Menschen werden selber für ihre Armut verantwortlich gemacht, die Spaltung steigt weiter und weiter.

Hinzu kommt – und auch das nur am Rande – dass wir noch gar nicht abschätzen können, wie viele Menschen nach einer überstandenen Corona-Infektion chronisch krank bleiben werden. Das könnte in die Millionen gehen, wenn wir die Pandemie nicht langsam in den Griff bekommen. Und das wird nicht nur die Gesundheitssysteme belasten, was das vor allem gesellschaftspolitisch bedeutet – puh.

Wo das alles endet? Wie gesagt: Ich bin mittlerweile tief im Kulturpessimismus gefangen. Ich glaub nicht mehr an ein gutes Ende. Und von der drohenden Klimakatastrophe sowie den zunehmenden Kriegen an der europäischen Peripherie habe ich noch gar nicht angefangen zu sprechen.

Dabei könnte doch alles ganz anders werden: Eine faire Umverteilung als gesellschaftlicher Reset, bedingungsloses Grundeinkommen, neue dezentralere Siedlungsstrukturen, saubere Energie, eine Bildungsoffensive, mehr Elemente direkter Demokratie, eine neue Migrations- und Entwicklungspolitik, ein neues Europa – und, und, und. Da sind derzeit so viele Ideen in der Luft, da knistern so viele historische Möglichkeiten, da ist so viel Aufbruch greibar.

Aber wir gehen lieber mit dem Verbrennungsmotor und einem Aktienpaket unter, flirten mit dem Faschismus (Ost) bzw. einem totalitären China (West) und sind überhaupt solange am Schimpfen (Süd), bis es dem Nachbarn endlich ähnlich schlecht geht wie uns selbst (Nord).


Zum Abschluss noch etwas Musik. Etwas Electro-Swing! Musikalisch leicht verdaulich, aber ich mags. Auf den ersten Blick eher unpassend für diesen Blogpost, aber gerade die Bilder aus den 1920er-Jahren bewegen mich derzeit sehr. Ein tanzender Fred Astaire, Lebensfreude, neue Liberalität in den Metropolen, ein neues Medium (Film), die sehr spannende Gegenüberstellung von Schwarz und Weiß – und doch rauscht alles mit voller Geschwindigkeit in Krieg, Elend und Barbarei. Ich projizier da also viel Zeitenwende rein.

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Thomas

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